12.02.2016

07/2016 - Auflagenwettlauf

Nicht nur Tier- und Umweltschützer oder Politiker, sondern auch Unternehmen des Lebensmitteleinzelhandels setzen beim Warenbezug und bei der Sortimentsgestaltung auf strengere Tier- und Umweltstandards. Ob sich das für die Erzeuger letztendlich auszahlt, bleibt mehr als fraglich.

Ein Abwälzen aller Kosten auf die landwirtschaftliche Erzeugerseite kann nicht in Frage kommen, wenn ernsthaft über Nachhaltigkeit gesprochen wird.

Jetzt ist er vorbei – der Karneval, dessen Bedeutung sich, so kann man es in zahlreichen Lexika nachlesen, von den lateinischen Worten „carne“ und „vale“ ableitet, was nichts anderes heißt als: „Fleisch – Auf Wiedersehen“. Kein Wunder also, wenn mit Ende des närrischen Treibens und mit Beginn der Fastenzeit das Essen von Fleisch und das Halten von Tieren in zahlreichen Medien wieder Schlagzeilen machen.

Da rufen Politiker zum Fleischverzicht auf, nicht nur, weil zu viel davon ungesund sein mag, sondern auch, weil so die „Exzesse der Massentierhaltung“ beendet werden könnten. Und auch die Umweltschutzorganisation Greenpeace meldet sich wieder einmal zu Wort, fordert die Anhebung der Mehrwertsteuer auf Fleischprodukte und „einen Gülle-Euro“, also eine Abgabe auf Stickstoffüberschüsse, und verspricht sich davon eine „positive ökologische Lenkungswirkung“ in den landwirtschaftlichen Betrieben. Welche Folgen das für die landwirtschaftlichen Strukturen in Deutschland haben könnte, lassen die selbsternannten Experten des Umweltschutzes leider offen. Vergessen sollte man nicht, dass 72 % unserer Landwirte Tiere halten und die wenigsten davon in industriellen Ställen stehen, sondern auf bäuerlichen Familienbetrieben. Und gerade die kleineren Betriebe könnten schnell Opfer einer solchen „Strukturanpassung“ werden.

Noch nachdenklicher sollte es machen, wenn jetzt Unternehmen des Lebensmitteleinzelhandels (LEH), wie Penny oder Aldi, bei der Warenbeschaffung und der Sortimentsgestaltung bestimmte Tierschutzstandards – häufig genug mit dem Hinweis auf eine „verlässliche Nachhaltigkeit“ – durchsetzen wollen (siehe auch Bericht S. 8). Angesichts der Konzentration des Handels – die fünf Größten der Branche haben einen Marktanteil von fast 75 % – muss man das sehr ernst nehmen. Allzu schnell könnten die Unternehmen der Ernährungsindustrie, wie Schlachtereien oder Molkereien, dem Drängen der Aldis und Co. nachgeben und ihren Erzeugern vorschreiben, wie Tiere „nachhaltig“ gehalten werden müssen.

Der vielleicht sogar gut gemeinte Hinweis, die möglichen Mehrkosten für die Landwirte könnten über höhere Verbraucherpreise aufgefangen werden, dürfte den meisten Bauern nur ein müdes Lächeln entlocken. Warum sollte man dem Handel nach all den Billigpreisaktionen noch Glauben schenken? Die Vorstellung, dass der LEH nicht nur die Preise, sondern letztlich auch das Wie der Produktion bestimmt, muss für die meisten Landwirte eine Horrorvision sein.

Ein bitterer Kelch übrigens, der auch an Ackerbauern nicht vorübergehen dürfte. Schließlich ist über eine Abgabe auf Pflanzenschutzmittel schon ernsthaft diskutiert worden. Und Ende des Jahres 2015 hat konkret die Firma Aldi Süd den Verzicht auf bestimmte Pflanzenschutzmittel mit dem Hinweis auf verbesserte Nachhaltigkeit im Obst- und Gemüsebereich durchsetzen wollen.

Dennoch: Die Diskussionen um mehr Tierwohl oder Nachhaltigkeit zu ignorieren, würde der Landwirtschaft auch im eigenen Interesse nicht weiterhelfen. Die heftig geführte Debatte in Medien und Politik, wie eine tier- und umweltgerechtere Landwirtschaft auszusehen hat, kann den Handel nicht kaltlassen. Und sollten die Verkaufszahlen der Konzerne wirklich einmal zurückgehen, träfe das zum guten Schluss auch die Erzeuger. Das haben nicht zuletzt die Lebensmittelskandale rund um Dioxin oder EHEC deutlich gemacht, als zahlreiche Landwirte auf ihren Produkten „sitzen blieben“.

Klar muss aber auch sein: Ein Abwälzen aller Kosten auf die landwirtschaftliche Erzeugerseite kann nicht in Frage kommen, wenn ernsthaft über Nachhaltigkeit gesprochen wird. Höhere Standards, beispielsweise beim Tierschutz, müssen freiwillig sein und der Mehraufwand dem einzelnen Landwirt verlässlich vergolten werden. Nur dann wird der Handel mit seinem Anliegen wirklich Akzeptanz bei den Bauern finden. Dass dies möglich ist, zeigt der hohe Zuspruch zu Agrar- umweltmaßnahmen in der ländlichen Förderpolitik oder konkret die Initiative Tierwohl, bei der allerdings gerade beim Lebensmitteleinzelhandel noch „sehr viel Luft nach oben ist“. Ein Auflagenwettlauf auf Kosten der Landwirte geht auf jeden Fall gar nicht: Er wäre weder glaubwürdig noch fair oder gar nachhaltig.


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