05.04.2018

14 - Es muss jetzt schnell gehen

Detlef Steinert

Natürlich kann man das Thema Herkunfts- und Haltungskennzeichnung bei Fleisch noch monate- oder jahrelang diskutieren. Natürlich kann man noch warten, bis jedes noch so kleine Detail erschöpfend geklärt ist. Natürlich kann man auch zuschauen, wenn den Verbrauchern immer mehr der Appetit auf Fleisch aus deutschen Ställen schwindet. Aber wem nützt das?

Es braucht schon gute Gründe, an dieser Stelle schon wieder die Herkunfts- und Haltungskennzeichnung bei Fleisch zum Thema zu machen. Der wichtigste ist zweifellos, dass der Fleischverbrauch in Deutschland 2017 unter die 60-kg-Marke gerutscht ist. Der Durchschnittsbürger verspeiste im vergangenen Jahr nur noch 59,7 kg Fleisch; zehn Jahre zuvor waren es noch 62,4 kg jährlich. Das vermeldete kurz vor Ostern die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE). Während Geflügel und Rind stärker nachgefragt werden, vergeht den Deutschen zusehends der Appetit auf Schweinefleisch. Mit 35,8 kg ist das nach wie vor deren liebstes Fleisch. Aber bei einem Verbrauchsrückgang um 4,7 kg innerhalb von zehn Jahren kann man nicht gerade von einem Trendprodukt sprechen.

Die abnehmende Beliebtheit trifft unmittelbar die Mäster und die Ferkelerzeuger. Mittelbar trifft sie aber die gesamte deutsche Landwirtschaft. Schon heute wandert ein Großteil der Getreideernte in die Futtermittelwirtschaft. Die Vorgaben, die Ackerbauern aufgrund von Düngeverordnung und Stoffstrombilanz zu erfüllen haben, lassen befürchten, dass künftig ein größerer Anteil über die Futtertröge verwertet werden muss. So warnen Forschung und Beratung, dass es mit zulässigen Düngerstrategien schwerer fallen dürfte, bei Getreide die Qualitätsanforderungen zu erdüngen, die es für die Verwertung in der Lebensmittelherstellung braucht. Kurz: Auch Ackerbauern könnten in Zukunft die Folgen spüren, wenn die Schweinehaltung ins Hintertreffen gerät und Futtergetreide mangels Nachfrage verramscht werden muss.

Natürlich hat der Rückgang des Schweinefleischverbrauchs mehrere Ursachen. Eine wesentliche liegt darin, wie unsere Mitbürger die Art und Weise der Tierhaltung wahrnehmen. Hier besteht ein enormes Wissens- und Informationsdefizit, was sich wiederum in mangelndem Vertrauen widerspiegelt. Dieses Vertrauen zurückbringen sollen entsprechende Kennzeichnungen. Zurzeit muss man aber eher befürchten, dass das Gegenteil erreicht wird.

Mit einem eigenen Zeichen ist der Discounter Lidl vorgeprescht. Seit dieser Woche bietet er in seinen Filialen Fleisch aus vier verschiedenen Haltungsstufen an. Gegenüber Aldi sorgt das für eine Abgrenzung – noch, denn die Mülheimer werden nachziehen und mit einer Auslobung der Nämlichkeit den möglichen Wettbewerbsvorteil des Konkurrenten schnell wieder aufholen wollen. Und dann folgt der Rest des Lebensmittelhandels. Ein zuzuordnender und nachvollziehbarer Nachweis von Tiergerechtheit in Haltung, Fütterung und Zucht wird daher in absehbarer Zeit schlicht zu einem Markteintrittskriterium. Wer ihn führen kann, kann am Markt mitmischen, wer nicht, ist draußen. Genau diese Funktion muss ein staatliches Tierwohllabel erfüllen: den Standard zu setzen und die Mindestanforderung zu definieren, mit der Möglichkeit, dass sich Einzelne mit besonderen Kriterien am Markt differenzieren können.

Im Übrigen hat es der Staat seinerzeit bei der Einführung des Biosiegels in Deutschland auch nicht anders gehalten und Mindeststandards gesetzt, den Anbauverbänden aber Luft gelassen, sich mit eigenen, höheren Standards am Markt abzugrenzen. Aus der Einführung des Biosiegels können noch weitere Lehren gezogen werden: Die damalige Ministerin hat sich auf keine lange Klein-Klein-Diskussion eingelassen, sondern hat geliefert; und sie hat Geld, viel Geld in die Hand genommen, um zu vermitteln, was hinter dem Zeichen steht. Beides darf sich Ministerin Julia Klöckner gerne zum Vorbild nehmen: nicht zögern, sondern handeln. Nicht endende Diskus­sionen über Kriterien und Ausgestaltung eines staatlichen Zeichens und ein Wildwuchs an Labeln, befördert von Verbänden und Wirtschaft, schmälern mit jedem Tag mehr das Vertrauen bei den Verbrauchern. Und jeder Cent mehr für die Information, was Tierhalter zum Wohl ihrer Tiere tun, ist eine gute Investition in die Zukunft der gesamten Landwirtschaft hierzulande.

Detlef Steinert