16.05.2018

20 - Richtig schnell

In ihrem Koalitionsvertrag haben die Regierungsparteien festgelegt, eine Ackerbaustrategie aufzulegen. Mit einem eigenen Papier sind die Spitzenverbände der deutschen Landwirtschaft nun dem zuständigen Bundesministerium zuvorgekommen – in erstaunlich kurzer Zeit.

Gemeinsame Positionen sind auch in anderen Fragen nötig, um der Stimme der Landwirtschaft Gewicht zu verleihen.

Von manchen Papieren weiß man im Vorhinein: Sie sind nicht für die Ewigkeit gemacht und sie werden noch zigmal in die Hände genommen und überarbeitet, bevor sie so etwas wie eine Art Leitfaden oder gar ein Gesetz werden. Und von manchen Papieren weiß man schon in dem Moment, in dem sie auf dem Tisch liegen, dass Ersteres zutrifft und Letzteres nie eintreten wird, und trotzdem ist es richtig, dass es diese Papiere gibt. Zu dieser Sorte Papier gehört die Ackerbaustrategie, die fünf Spitzenverbände der deutschen Landwirtschaft in dieser Woche vorgelegt haben.

In einer erstaunlichen Geschwindigkeit haben der Deutsche Bauernverband (DBV), der Verband der Landwirtschaftskammern (VLK), die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG), der Zentralverband Gartenbau (ZVG) sowie der Deutsche Raiffeisenverband (DRV) zusammengefasst, wo sie die Herausforderungen sehen, denen der Ackerbau in Deutschland gegenübersteht, welche Ziele es zu erreichen gilt und wie diese erreicht werden sollen. Natürlich finden sich darin keine konkreten Handlungsanweisungen, wie etwa Düngung oder Pflanzenschutz künftig in der Praxis aussehen sollten. Das darf auch niemand erwarten. Aus zwei Gründen:

1.    Einmal war Schnelligkeit statt Detail gefragt. SPD und Unionsparteien haben in ihrem Koalitionsvertrag eine Ackerbaustrategie vereinbart. Ministerin Julia Klöckner hat mit ihrer Reduktionsstrategie bei Glyphosat sowie ihrer Stimme gegen den weiteren Einsatz von drei Neonikotinoiden in der Außenwirtschaft bereits markante Pflöcke eingeschlagen. Gerade weil das Ministerium dem Zeitplan zur Vorlage einer eigenen Strategie noch hinterherhinkt, war es keinesfalls zu früh, dass die Spitzenverbände mit eigenen Gedanken an die Öffentlichkeit gegangen sind. An denen können sich nun andere abarbeiten beziehungsweise müssen andere erst einmal Besseres vorlegen.

2.    Dass das Strategiepapier allzu Konkretes vermissen lässt, ist nicht nur deswegen gut, weil es Raum für Verhandlungen lässt. Es trägt auch dem Rechnung, dass der Deutsche Bauernverband eben eine Vielfalt an Wirtschaftsbedingungen in seinen Reihen vertreten muss. Rheinische Ackerbauern müssen sich in einem solchen Papier genauso wiederfinden können wie schwäbische.

Aus dem Grund ist es erstaunlich und anerkennswert, dass die Ausarbeitung der Ackerbaustrategie so schnell vonstattengegangen ist. Dauern Abstimmungsprozesse im Dachverband und mit den regionalen Bauernverbänden für gewöhnlich doch mehrere Monate, ging es dieses Mal innerhalb von gerade einmal knapp zehn Wochen über die Bühne, dass sich der Berufsstand mit einer abgestimmten Position in die Diskussion einbringt. Man kannte das auch schon anders, etwa bei Fragen zur Zukunft der Veredlung in Deutschland.

Das Entscheidende an der Ackerbaustrategie ist also weniger der Inhalt. Der lässt sich nämlich kurz fassen: Im Grunde fomulieren deren acht Ziele das, was jeder Ackerbauer unter der guten fachlichen Praxis versteht, kombiniert mit Forderungen an Dritte. Letztere machen deutlich, wo die Landwirtschaft an Grenzen stößt, weil, wie beispielsweise beim Thema Pflanzenschutz und Verfügbarkeit von Wirkstoffen, andere in der Verantwortung sind, Lösungen zu entwickeln und diese Lösungen auch für die Anwendung zuzulassen.

Das Entscheidende an dem Papier ist vielmehr, dass sich maßgebliche Organisationen der Landwirtschaft zu einer Position zusammenraufen. Das ist umso bemerkenswerter, weil DBV und DLG etwa beim Thema Zukunft der EU-Agrarpolitik und der Direktzahlungen durchaus gegensätzliche Positionen einnehmen. Neben dem Ackerbau gibt es noch weitere dringende Fragen, für die es eine gemeinsame Position der Agrarbranche braucht. Dazu gehören: Wie soll die Zukunft der Tierhaltung in Deutschland aussehen und wie will die Branche den Dialog mit der Gesamtgesellschaft bestreiten? Ich wünsche mir, dass sich nach der Ackerbaustrategie die Spitzenverbände nun hinsetzen, um auch da­rauf gemeinsame Antworten zu formulieren – damit landwirtschaftliche Positionen wieder mehr Gewicht erlangen.