13.06.2018

24 - In Bewegung

Der Kartoffelmarkt ist von jeher bewegt. Himmelhochjauchzend oder zu Tode betrübt – wohin schlägt das Pendel in dieser Saison?

Christiane Närmann-Bockholt

Als Liedermacher Reinhard Mey in den 70er-Jahren seine Emanzen-Freundin Annabelle besang, da verknüpfte noch keiner diesen Namen mit einer Kartoffelsorte. Die trat erst

30 Jahre später ihren Siegeszug als beliebte frühreife Festkochende an. Und noch eines war damals mit Sicherheit anders: Die Kartoffelbranche, angefangen beim Anbau über Aufbereitung, Handel und Verarbeitung, war einfacher gestrickt, als sie es heute mit der wachsenden Spezialisierung ist. Wer heute mit Kartoffeln erfolgreich sein Geld verdienen will, der muss zu den Spezialisten gehören. Da sind nicht nur beste produktionstechnische Kenntnisse gefordert, daneben braucht es profunde Marktkenntnisse und ein ausreichendes Kapitalpolster, nicht zuletzt gute Nerven und eine gehörige Portion an Risikobereitschaft.

Und die ist anscheinend vorhanden: Die Anbauflächen, insbesondere die von Verarbeitungskartoffeln, wurden in NRW in diesem Frühjahr noch einmal kräftig ausgedehnt. Auch wohl deshalb, weil es momentan an attraktiven Alternativkulturen mangelt. Entscheidender ist jedoch, dass der Markt für Pommes frites, Chips und Co. in den letzten Jahren vielversprechende Signale gesendet und der Absatz an veredelten Kartoffelspezialitäten weiter zugelegt hat. Die Fritten-Fabriken in den Niederlanden und in Belgien, die als erfolgreiche Global Player agieren und ihre Absatzchancen weltweit nutzen, beziehen ihren wachsenden Rohstoffbedarf bevorzugt aus der rheinischen Anbauregion.

Ein Grund dafür ist ohne Zweifel, dass die rheinische Kartoffelwirtschaft in Beratung, Vermarktung und Logistik gut aufgestellt ist und vor allem viele tüchtige Anbauer hier ihr Metier bestens verstehen. Sicher auch ein Verdienst der Rheinischen Erzeugergemeinschaft Kartoffeln Reka, der ältesten und mit rund 1100 Mitgliedern bundesweit größten Erzeugergemeinschaft.

Allerdings wachsen auch hier die Bäume nicht in den Himmel: Zur Ehrlichkeit gehört die Feststellung, dass in diesen Wochen nicht wenige Industriekartoffel-Anbauer, die auf freie Ware gesetzt und auf den Abschluss von Abnahmeverträgen verzichtet haben, noch mit vollen Lägern dastehen und nicht wissen, wohin mit ihren Lagerbeständen. Die Fabriken ziehen zurzeit ausschließlich Vertragsware, freie Ware ist nahezu unverkäuflich.

Wer jetzt im Juni die Feldbestände in Augenschein nimmt, hat ein lachendes und ein weinendes Auge. Die Saison 2018 beschert uns mit wüchsigen Bedingungen eine enorm schnelle Entwicklung, die selbst die Experten schon als beunruhigend bezeichnen. Und die Herausforderungen sind groß, zunächst aus pflanzenbaulicher Sicht. Die warm-feuchte Witterung sorgt nicht nur für das schnelle Wachstum der Kartoffelbestände, sondern lässt auch Pilze und Schädlinge prächtig gedeihen. Ob Krautfäule, Schwarzbeinigkeit, Alternaria oder auch der Kartoffelkäfer drohen – wer das Potenzial des schnellen Pflanzenwachstums in hohe Erträge umsetzen will, der muss alle Register ziehen und seine Bestände eng kon­trollieren, um schnellstens reagieren zu können.

Sollte das Wetter bis zur Ernte weiter mitspielen und das Ertragspotenzial ausgeschöpft werden können, deutet alles auf eine Kartoffelschwemme hin mit schmerzhaften Folgen für den Markt, die man sich kaum ausmalen mag. Aber noch ist es nicht so weit und bis zur Ernte im Herbst kann noch vieles passieren. „Im Pessimismus liegt das Heil“, heißt es in Reinhard Meys Annabelle-Liedzeilen. Eine Einstellung, die die rheinischen Kartoffelprofis ganz und gar nicht teilen, denn die sind seit jeher mit Optimismus besser gefahren.