12.09.2018

37 - Ist das das Ende?

Brigitte Wenzel

Vor dem Hintergrund des am 1. Januar 2019 wirksam werdenden Verbots der betäubungslosen Ferkelkastration und völlig unzureichender Alternativen ist im Agrarausschuss vergangene Woche keine Mehrheit für eine Gesetzesänderung zustande gekommen. Die Sauenhalter sind ratlos.

Es ist ein Tauziehen: Gegner und Befürworter von praktika­blen Alternativen zur betäubungslosen Kastration stehen sich gegenüber und versuchen das Kräftemessen zu gewinnen. Allerdings sind die Mannschaften unterschiedlich stark. Während im Agrarausschuss jedes Land eine Stimme hat, sind im Bundesrat die Gewichte entscheidend: Kleine Länder haben 3, größere dagegen 4, 5 oder gar 6 Stimmen. Deshalb kann ein am 21. September eingebrachter Antrag durchaus noch die benötigte Fristverschiebung bringen. Dann müsste „nur noch“ der Bundestag darüber entscheiden, ob die Gesetzesänderung kommt.

Der Deutsche Bauernverband kämpft seit Jahren für eine Anerkennung der Kastration unter lokaler Betäubung, den sogenannten Vierten Weg. Er will neben Ebermast (mit und ohne Impfung) und der Kastration unter Vollnarkose, die nur Tierärzte durchführen dürfen, einen tierschonenden Weg, der für alle Betriebe praktikabel ist. Damit soll in Deutschland möglich werden, was zum Beispiel in Dänemark schon erlaubt ist, nur um dem deutschen Tierschutzgesetz Genüge zu tun. Denn die betäubungslose Kastration ist dort – wie in den meisten der EU-Staaten – noch nicht verboten. Hierzulande wird die lokale Betäubung aber – obwohl auch in Schweden erfolgreich angewandt – von Skepsis bis hin zu vehementer Ablehnung begleitet. Dass diese Position sich entweder auf Emotionen, Nichtwissen oder alte Studien gründet, ist schwierig genug. Gänzlich unverständlich wird es, wenn sich die QS GmbH schon da­rauf vorbereitet, die in Dänemark extra für Deutschland lokal betäubten Ferkel oder die mit CO2 in den Niederlanden betäubten und kastrierten Ferkel anzuerkennen. Wir haben ja schließlich einen europäischen Binnenmarkt …

Um diese Wettbewerbsverzerrung aufzulösen, brauchen wir die Gesetzesänderung! Denn es zeichnet sich ab, dass wir auf die Kastration nicht verzichten können, wenn wir das Verbrauchervertrauen in die Qualität von Schweinefleisch nicht weiter strapazieren wollen. Wir müssen also einen großen Teil der männlichen Ferkel unter wirksamer Schmerzausschaltung kastrieren. Hierfür gibt es aus Sicht des Gesetzgebers auch nach jahrelangen Diskussionen nur zwei für deutsche Ferkelerzeuger offene Wege: Betäubung durch Vollnarkose mittels Inhalation von Isofluran oder mittels Injektion. Wer absehbar keine Abnehmer für Eberferkel hat und keine Platzprobleme im Stall bekommen will, sollte seine Tierarztpraxis deshalb schon auf die Zahl der wöchentlich zu kastrierenden Ferkel vorbereiten, damit diese darauf angemessen reagieren kann, insbesondere im Hinblick auf den zusätzlichen Zeitaufwand und die benötigten Mittel für die Narkose. Wer seine Hausaufgaben in puncto Kastration vor dem 1. Januar 2019 dann gemacht hat, sollte sich direkt den weiteren Herausforderungen widmen. Denn der Kastenstand „kommt“, und damit der für viele notwendige Umbau des Deckzentrums, und bald auch der des Abferkelstalls. Quasi gleichzeitig steht der Beginn des Kupierverzichts an. Die EU-Kommission drängelt nämlich seit den enttäuschenden Überprüfungen der Mitgliedstaaten im letzten Jahr auf konsequente Umsetzung der seit langem geltenden Rechtslage. Schnell wird klar: Nur wer so leidenschaftlich Ferkel erzeugt, dass er sich diesem gewaltigen Aufgabenpaket mit ganzer Kraft und dem damit verbundenen finanziellen Risiko stellen will, wird die Ferkelerzeugung fortsetzen.

Mit jedem Sauenhalter, der aufhört, muss sich der Staat fragen lassen, wie er eine Qualitätsoffensive erfolgreich gestalten will, wenn er die Urproduktion aus der Hand gibt. Ist es nachhaltig, eine Tierhaltung, die sehr kapital- und arbeitsintensiv, aber relativ emissionsarm ist, in Deutschland so mit Auflagen zu überziehen, dass sie aufgegeben wird? Ist es logisch, noch mehr Ferkel aus Nachbarstaaten zu importieren, die den hohen Ansprüchen an Haltung und Management nach Lesart des deutschen Gesetzgebers eigentlich nicht genügen? Können wir dort die Haltung und das Management – Kastenstand und Antibiotika lassen grüßen – überhaupt noch beeinflussen? Wollen wir wirklich mehr Risiken für die Tiergesundheit? Geschlossene Systeme sind nicht nur für einen geringeren Antibiotikaeinsatz, sondern auch im Fall eines Ausbruchs der Schweinepest immens wichtig. Und als Letztes: Warum gibt Deutschland leichtfertig so viel Wertschöpfung aus der Hand? Wenn diese Fragen nicht bald von der Politik ehrlich beantwortet werden, wird die Tradition der von Familien geführten Schweinezucht in Deutschland aussterben.