10.10.2018

41 - Vergesst nur nicht die Klassiker!

Detlef Steinert

Digitalisierung und Robotik sind schick. Man kann damit spielen. Und sie liefern schöne Bilder. Sie eröffnen durchaus andere Perspektiven und neue Möglichkeiten. Aber für sich alleine genommen helfen sie der Landwirtschaft nicht, dort Herausforderungen zu lösen, wo es die Gesellschaft von ihr erwartet.

Niemandem dürfte verborgen geblieben sein, dass die landwirtschaftliche Forschung an den Hochschulen in den zurückliegenden Jahren eher eine untergeordnete Rolle gespielt hat und stiefmütterlich behandelt worden ist. Nicht nur an der hiesigen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn wurden von den landwirtschaftlichen Fakultäten von Kiel bis München scheibchenweise Personal und Mittel abgezogen. Nutznießer waren in vielen Fällen Institute und Lehrstühle, die sich auf Grundlagenforschung verlegt hatten. Exzellenz war jetzt gefragt, und die erwartete kaum jemand von einer Disziplin, die zwar Laptop und Gummistiefel zu vereinen vermag, aber sonst nicht viele Möglichkeiten bietet, weltweiten Forscherruhm einzuheimsen. Allerdings, gleichzeitig gerieten viele Themen, die unmittelbar mit der Landwirtschaft zu tun haben, auch weltweit in den Fokus der Gesellschaft:

Energiewende: Sie kommt ohne regenerative Quellen nicht aus. Ob Windräder gebaut oder Stromtrassen durchs Land gezogen werden müssen, beides berührt die Landwirtschaft in essenzieller Weise, weil fruchtbares Land dadurch vernichtet wird und so fast unwiederbringlich für die Produktion verloren geht: von Energie, die über Pflanzen ebenfalls regenerativ zur Verfügung gestellt werden kann, oder von Rohstoffen für die Industrie. Letzteres wird unter dem Titel Bioökonomie Experten zufolge in den kommenden Jahren eine immer größere Rolle spielen, vor allem wo es darum geht, Öl als Grundstoff zu ersetzen, wie etwa in der Kunststoffchemie.

Klimawandel: Die Landwirtschaft ist zu einem Teil Mitverursacher von Treibhausgasen. Noch viel mehr ist sie aber von den Folgen betroffen. Schließlich hat sie ein Potenzial, das kein anderer Wirtschaftszweig bieten kann. Sie kann Kohlendioxid binden und so Treibhausgase verringern, und das in solchen Mengen, dass sie sogar einen Ausgleich für Wirtschaftszweige ermöglicht, in denen unvermeidbar Treibhausgase anfallen.

Gesunde Ernährung: Der Mensch ist, was er isst. Am Einfluss der Ernährung auf die Gesundheit der Menschen besteht heute kein Zweifel. Wird über gesundheitsschädigende, aber auch über gesundheitsförderliche Wirkungen gesprochen, denken viele zunächst an das Ernährungsverhalten des Einzelnen, zu viel von dem einen oder zu wenig von dem anderen. Aber auch die Zusammensetzung der Nahrungsrohstoffe beeinflusst das Wohlbefinden der Konsumenten. Züchtung, Anbau und Behandlung von Nutzpflanzen spielen so mittelbar durchaus eine Rolle für das Thema.

Globale Versorgungssicherheit: Eine friedlichere Welt setzt voraus, dass Menschen weniger für ihre Grundbedürfnisse kämpfen müssen. Nicht zu hungern gehört dazu. Die zunehmende Weltbevölkerung bei gleichzeitig schwindender Anbaufläche, nicht nur bedingt durch Flächenfraß, macht daher steigende Erträge je ha nötig und damit eine Antwort auf die Frage, wie Landwirtschaft effizienter werden kann.

Man könnte die Liste beliebig fortführen, aber auch ohne weitere Beispiele wird deutlich, dass Landwirtschaft in diesen Themenfeldern eine, wenn nicht sogar die zentrale Rolle spielt. Viele Politiker haben das erkannt und denken Landwirtschaft und Ernährung mittlerweile zusammen. Auch bei der Deutschen Forschungsgesellschaft ist die Bedeutung des Zusammenhangs mittlerweile angekommen. Nachdem Anträge von Agrarfakultäten auf Förderung jahrelang kaum einen Stich gemacht haben, hat nun die Friedrich-Wilhelms-Universität mit dem Forschungsprojekt „PhenoRob“ das durchbrochen (siehe S. 16) und erhält in den nächsten sieben Jahren insgesamt 5,2 Mio. €. Man muss den verantwortlichen Wissenschaftlern zugutehalten, dass sie Robotik, IT-Technologie und Digitalisierung nicht isoliert sehen, sondern mit agrarischen Klassikern wie Bodenkunde, Düngung oder Pflanzenschutz verknüpfen, um Lösungen für die Praxis zu entwickeln. Den Beteiligten wünsche ich dafür ein gutes Händchen und ausreichend Bodenhaftung. Den Vertretern der genannten klassischen Disziplinen wünsche ich dagegen, dass sie aus dem Schatten des Digitalisierungs-Hypes he­rauskommen, der nicht allein in der Hochschulforschung um sich greift; und, dass sie den Stellen, die über Forschungsmittel entscheiden, eines deutlich machen können: Bits und Bytes betreiben keine Fotosynthese und von Bits und Bytes wird auch niemand satt.