25.03.2020

Corona: Auswirkungen auf die Betriebe

Ob selbst vom Coronavirus betroffen oder nicht, die Corona-Krise hat Auswirkungen auf die Landwirte im Rheinland. Die LZ hat sich umgehört, wie es auf den Höfen aussieht.

Hamstern für die Kühe

„Ich spüre auf unserem Hof noch nicht viel von der Corona-Krise. Allerdings haben wir einen Hamstereinkauf für unsere Kühe gemacht“, sagt Milchviehhalterin Jessica Krebbing aus Hamminkeln. „Wir beziehen unser Mineral- und Kraftfutter von kleinen Firmen. Wenn diese wegen des Virus schließen müssten, bekommen wir ein Problem. Daher haben wir uns einen Vorrat angelegt.“ Darüber hinaus habe die Landwirtschaftskammer NRW sie gebeten, die ELAN-Anträge telefonisch mit ihnen zu bearbeiten und dann per Fax oder E-Mail zu versenden. „Auf dem Betrieb haben wir eine 450-€-Kraft angestellt, die wir erst mal eine Woche nach Hause geschickt haben. Der Mitarbeiter arbeitet noch für einige andere. Und wir möchten die Kontakte so gering wie möglich halten, um uns nicht selbst anzustecken. Denn wenn bei uns einer ausfällt, wird es wirklich knapp mit der Arbeitskraft“, so Jessica Krebbing. Einige Molkereien hätten schon gesagt, man soll dem Tankwagenfahrer nicht zu nahe kommen. „Aber da besteht bei uns keine Gefahr. Die Milch wird spätabends abgeholt.“ Auch die Jagdprüfung, die die 24-Jährige mit ihrem Hund gehabt hätte, wurde abgesagt. Nur auf ihre Oma müsse sie mehr aufpassen, die das Virus nicht so ernst nimmt und meint, es wäre nicht so schlimm. „Wir sagen ihr jeden Tag, dass sie heute keine Sozialkontakte haben soll“, betont Jessica Krebbing.

Saisonarbeiter fehlen

„Es ist eine Katastrophe“, sagt Stephan Kisters, Spargelanbauer aus Walbeck und Vorsitzender der Spargelbaugenossenschaft Walbeck, angesichts der fehlenden Saisonarbeitskräfte. „Die Stimmung ist aber noch gut, denn wir haben Hoffnung, dass die Politik uns zur Seite springt. Viele polnische und rumänische Saisonarbeitskräfte würden gerne kommen, aber sie haben keinen Busfahrer, der sie bringen kann, da dieser anschließend auch in Quarantäne gehen müsste.“ Gerade für das Aufdämmen der Spargelpflanzen würden jetzt Saisonkräfte fehlen. „Das führt zu einem enormen wirtschaftlichen Schaden. Die Kulturen treiben jetzt aus. Aber wir fragen uns natürlich, ob wir den Spargel überhaupt ernten können oder gar vermarkten können. Wenn die Gastronomie, alle touristischen Spargel-Aktionen sowie Messen wegfallen, geht der Absatz rapide zurück“, erklärt er. Den ersten Lösungsvorschlag vom Bundeslandwirtschaftsministerium, jetzt die frei werdenden Fachkräfte aus der Gastronomie aufs Feld zu schicken, hält er allerdings für unrealistisch. „Wir versuchen seit Jahren vom deutschen Arbeitsamt Kräfte zu generieren, aber es will einfach keiner machen.“ Die Politik müsse jetzt signalisieren, dass eine finanzielle Entschädigung ermöglicht wird, sonst müssten viele Betriebe ihre Hoftore schließen. „Die Corona-Eindämmungsmaßnahmen sind alle richtig und wichtig, aber die Politik muss das richtige Augenmaß behalten.“ Er appelliert auch an die Verantwortlichkeit der Supermärkte und Discounter: „Wenn diese bald unsere einzigen Vertriebswege werden, dann wären Dumpingpreise eine Katastrophe!“

Ansturm auf die Hofläden

„Im Hofladen haben wir rund 30 % mehr Kunden. Die Kunden machen auch hier Hamsterkäufe. Das artet leider ziemlich aus. Jeder kauft das Doppelte der üblichen Menge. Wenn sonst der Kartoffelsack nicht klein genug sein konnte, stehen viele Kunden jetzt vor den Kartoffeln und fragen sich, wie viele große Säcke sie einkaufen sollen“, hat Direktvermarkter, Geflügelhalter und Ackerbauer Wilhelm Püllen aus Nörvenich beobachtet. Viele Direktvermarkter würden, wie von vielen Krisen, profitieren. „Allerdings ist die Logistik eine Herausforderung. Man kann nicht planen, wie viel Mengen gebraucht werden. Ein Abnehmer von uns, ein Gartencenter, verkauft unsere Kartoffeln und Eier, aber sie wissen nicht, ob sie bald schließen müssen oder nicht, je nachdem, wie sich die Maßnahmen verändern“, so der 36-Jährige. Die Mitarbeiter im Hofladen seien froh, dass sie weiter arbeiten dürften, da sie von vielen anderen Unternehmen von Kurzarbeit hören. „Unsere vier Kinder sind zwischen sieben Jahren und vier Monate alt und laufen gerade im Betrieb mit. Eier  zu sortieren ist eine beliebte Aufgabe“, sagt Wilhelm Püllen mit einem Augenzwinkern. „Auf dem Hof haben die Kinder wenigstens Platz und es gibt immer etwas zu tun. Da haben wir viele Möglichkeiten im Vergleich zu anderen, beispielsweise in einer kleinen Wohnung.“

Genug Düngemittel, Saatgut und Pflanzenschutz

„Als Acker- und Industriegemüseanbauer spüre ich noch keine Auswirkungen. Betriebsmittel wie Dünge- und Pflanzenschutzmittel sowie Saatgut sind nach Angaben der Genossenschaften ausreichend vorhanden. Daher ist die Sorge fehlender Betriebsmittel aus meiner Sicht unbegründet“, betont Dr. Karl-Otto Ditges aus Euskirchen. Dabei sei es aber wichtig, dass die Politik die Handelswege offen halte und Logistikunternehmen weiter arbeiten könnten. „Auch die Landmaschinen-Werkstätten sowie Lieferanten und Hersteller von Ersatzteilen müssen weiter arbeiten können“, fordert Ditges. Er baut in einer Erzeugergemeinschaft Dicke Bohnen, Erbsen und Buschbohnen für die Verarbeitungsindustrie-Konservenfabriken und Frostereien an. „Glücklicherweise kann diese Erzeugergemeinschaft beim Anbau ohne viele Saisonkräfte alle Arbeiten erledigen. Wir – Politik, Gesellschaft und Bauern – müssen jetzt Ruhe bewahren und uns auf die regionale Lebensmittelerzeugung mit unseren hohen Standards konzen­trieren. Gerade jetzt zeigt sich, wie wichtig ein hoher Selbstversorgungsgrad mit Lebensmitteln im eigenen Land ist“, meint Ditges. ah