25.11.2020

Der LEH, seine Beschäftigten und die Bauern

LZ-Chefredakteur Detlef Steinert

Wie kaum ein anderer Wirtschaftszweig profitiert der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) von der Corona-Krise. Seine Beschäftigten geben ihr Bestes. Die Kundschaft dankt es mit mehr Umsatz. Dafür gibt es Prämien für die Angestellten. Auch Landwirte hätten eine Corona-Prämie vom Handel verdient. Stattdessen gibt es Niedrigpreise für sie.

Wer in der Landwirtschaft tätig ist, kann derzeit nur neidisch auf den Lebensmitteleinzelhandel (LEH) und seine Beschäftigten schauen. Dort wird anscheinend alles richtig gemacht. Die Kundschaft bedankt sich seit März immer wieder dafür, dass trotz Corona täglich für sie die Regale gefüllt sind. Und wenn doch mal etwas fehlt, verzeiht man es den Kassiererinnen gerne, die hinter Plexiglasscheiben stets freundlich bleiben. Sie und ihre Kolleginnnen und Kollegen an anderer Stelle sind Heldinnen und Helden, denen deswegen Dank entgegengebracht wurde und wird. Ohne sie würde in den Kühlschränken und Vorratskammern dieser Republik Leere herrschen.

Das wissen auch die Manager in den Konzernzentralen von Lidl, Aldi, Rewe und Edeka. Die großen Vier, aber auch die kleineren Unternehmen des LEH bedanken sich mit Geld und Warengutscheinen bei ihren Angestellten dafür, dass sie die Last der Pandemie so gut gemeistert haben. Und sie hoffen darauf, dass diese Anerkennung sie anspornt, die Herausforderungen auch weiter zu meistern. Denn die Krise ist nicht ausgestanden und ohne die Frauen und Männer in den Warenlagern, an den Regalen, hinter den Bedientheken und am Kassenband wäre es nicht gut bestellt um das Geschäft des Lebensmittelhandels. Das legte nach einhelliger Experteneinschätzung in der Corona-Krise sogar zu. So fällt es den Unternehmen durchaus leicht, ein wenig von dem abzuzwacken, was zustätzlich in die Kassen geflossen ist – vor allem dann, wenn das Geld wieder dorthin zurückfließt. Einen beachtenswerten Teil der Boni, die sich geschätzt auf einen dreistelligen Millionenbetrag belaufen, gewährt der LEH seinen Beschäftigten nämlich als Gutscheine. Das hat eine Erhebung des Branchenblattes Lebensmittelzeitung ergeben (siehe S. 8).

Das durch die Corona-Krise aufpolierte Ansehen des LEH trägt aktuell noch an anderer Stelle Früchte. Waren Jobs im Lebensmittelhandel lange Zeit nicht sonderlich attraktiv, können die Unternehmen derzeit kaum über Bewerbermangel klagen. Auch das stellte die Lebensmittelzeitung jüngst fest. Dass der LEH bei der Personalbeschaffung von Corona profitiert, dürfte aber nicht nur an einer gestiegenen Wertschätzung liegen. Die Probleme in anderen Branchen wie zum Beispiel der Hotellerie und dem Gastgewerbe oder Teilen der Industrie dürften ein Übriges dazu beitragen, dass die Jobs im Handel auch bei Berufseinsteigern wieder begehrter sind.

Ganz anders in der Landwirtschaft. Dort blickt der Nachwuchs eher düsterer in die Zukunft. Nicht weil er das Tätigkeitsfeld langweilig findet, sondern eher, weil er sich nach Anerkennung für seine Arbeit sehnt und ihm zusehends die notwendige Wertschätzung und Wertschöpfung fehlt. Dass Landwirtinnen und Landwirte also neidisch auf den LEH schauen, lässt sich nachvollziehen. Genauso nachvollziehbar ist aber auch, dass viele stinksauer auf ihn sind, weil er die Preise für Nahrungsmittel aus heimischer Erzeugung weitgehend unverändert hält, während die Erzeugerpreise stetig nach unten gehen. Schon komisch, dass in beiden Fällen Corona als Begründung herhalten muss – für Preisabschläge bei den Bauern und für Preisaufschläge bei den Verbrauchern. Stattdessen hätten die vielen landwirtschaftlichen Betriebe im Land eigentlich genauso eine Prämie dafür verdient, dass sie unbeirrt dafür gesorgt haben, dass die Kunden des LEH jeden Tag etwas zu essen mit nach Hause nehmen konnten.

Wenn man es richtig betrachtet, sitzen Bäuerinnen und Bauern allerdings in einem Boot mit den Beschäftigten im Handel. So generös sich der LEH angesichts der Boni gibt, ist er im Normalbetrieb eben nicht. Da drückt sich manches Unternehmen durchaus um Tarifverträge oder Gehaltssteigerungen, gerade in den unteren Lohngruppen. Dabei bräuchten viele Beschäftigte verlässliche und existenzsichernde Einkommen, betonen Gewerkschafter stets. Zumindest die Übermacht des LEH gegenüber den Erzeugern soll nun ein Gesetz lindern (siehe S. 8). Unter dessen Regelungen fallen jedoch nur die wenigsten landwirtschaftlichen Betriebe. Außerdem lässt der LEH auch nach dem Erlass des Gesetzes noch kräftig die Muskeln spielen. Kaum hatte Agrarministerin Julia Klöckner das Wort von unlauteren Praktiken ausgesprochen, beschwerten sich die Vorstandsvorsitzenden der großen Vier im LEH bereits bei Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel über dieses „ehrabschneidende Zerrbild“. Das lässt befürchten, dass die unendliche Geschichte vom Ungleichgewicht zwischen Handel und Erzeugern unendlich bleibt.


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