28.04.2021

Gut oder böse?

Marilena Kipp

In den Diskussionen um den Wolf scheint es oft, als gäbe es nur zwei Seiten: Wolfsbefürworter – und Weidetierhalter. Guter Wolf – böser Wolf. Doch so einfach ist es nicht. Dazwischen liegt ganz viel: Angst, Sehnsucht, Beschützerinstinkt, Historie, Wissenschaft – Faktoren und Emotionen, die uns und die Diskussionen rund um das Tier Wolf leiten und mitbestimmen. Und die daher offen mit auf den Tisch und angesprochen werden sollten.

Denn Fakt ist: Der Wolf ist in Deutschland und auch im Rheinland heimisch geworden. Er ernährt sich von Wild, leider aber auch von Nutztieren. Ein Umstand, mit dem die Bauern schmerzlich zurechtkommen müssen. Sie haben keine andere Wahl – denn Bevölkerung und Politik dulden und fördern den Wolf. Also beobachten Landwirte die Wolfsgebiete, rüsten Zäune auf, setzen wenn möglich Herdenschutzhunde ein. Und wenn sie Pech haben und doch etwas passiert, rufen sie den Wolfsgutachter an und versuchen, zumindest einen Teil des Verlustes wieder zu bekommen.

Natürlich und verständlicherweise ist das mit negativen Gefühlen verbunden. Mit Ablehnung, Angst und Sorge. Doch genauso, wie betroffene Landwirte in Deutschland lernen sollen, gegen ihr Gefühl den Wolf in ihrer Kulturlandschaft zu akzeptieren und mit ihm zu rechnen, sollten Wolfsbefürworter lernen, Zugeständnisse zu machen und einen realistischen Blick zu behalten. Und der bringt es mit sich, Tier für Tier getrennt vonei­nan­der zu betrachten. Dazu gehören Auffälligkeiten im Verhalten genauso wie nachgewiesene Risse. Der Wolf darf nicht zu einem pauschalen Symbol einer Sehnsucht nach Natur oder Wildnis werden. Damit tut man weder der Gattung Wolf noch der Kulturlandschaft im immerhin am dichtesten besiedelten Bundesland Deutschlands einen Gefallen.

Wenn ein Wolf nachweislich für den Tod von über 80 Nutztieren verantwortlich ist, sollte man dann nicht doch mal über eine Entnahme sprechen? Wenn auf einem Video zu sehen ist, wie ein Wolf scheinbar neugierig eine Frau mit Hund umkreist und sich auch durch lautes Rufen und Schreien nicht vertreiben lässt (so geschehen in der Nähe von Hamburg) – sollte man dann nicht vielleicht doch mal überlegen, dass Wölfe ihre Scheu verlieren könnten, wenn sie nach über hundert Jahren in eine stark urbanisierte Landschaft zurückkehren und kein jagdlicher Druck auf sie ausgeübt wird? Wenn ein Wolf in eine Schafherde eindringt und fünf trächtige Schafe tot oder halbtot beißt (siehe S. 10), aber keinesfalls alle frisst – sollte man sich dann vielleicht nicht doch der Tatsache stellen, dass den Tieren auf ziemlich unangenehme Art und Weise das Leben genommen wird? Ohne Sinn und ohne jegliche Fluchtmöglichkeit? Diese zugegebenermaßen unbequemen Fragen finden in der öffenlichen Debatte gefühlt wenig Raum, doch sie sind genauso wichtig wie Diskussionen über Zäune und Schutzhunde. Ich kann es von Rissen betroffenen Landwirten nicht verübeln, wenn sie das Gefühl haben, dass die Vernunft nicht mehr viel Platz in den Diskussionen rund um den Wolf findet. Zu verhärtet scheinen die Fronten zu sein, zu viel politischer Zündstoff vorhanden zu sein, um einen klaren Schritt, vielleicht sogar in Form einer Entnahme von auffälligen Tieren, zu wagen.

Am Freitag dieser Woche findet der vom Nabu ausgerufene Tag des Wolfes statt. Wolfsbefürworter schätzen den Wolf als Zeichen einer intakten Natur und Landschaft. Sie sprechen von einer natürlichen Regulation des Wildbestandes und einem scheuen Tier, das dem Menschen aus dem Weg geht. Einem Tier, das dank Rotkäppchen nach wie vor zu Unrecht ein schlechtes Image hat. Hier mag durchaus Wahres dabei sein, denn es gibt Gebiete, in denen ein ruhiges Nebenei­nan­derher zumindest bisher möglich zu sein scheint.

Doch im Gegensatz zu anderen Teilen der Gesellschaft sind Landwirte dazu gezwungen, sich schonungslos mit den negativen Seiten des Themas Wolf ausei­nan­derzusetzen. Nämlich dann, wenn sie tote, vielleicht sogar tote und gleichzeitig trächtige Tiere finden, verletzte Schafe zusammenflicken lassen oder übrig gebliebene Lämmer mit der Flasche aufziehen müssen. Wenn sie ihre Tiere am nächsten Tag trotzdem auf die Weide bringen müssen, da sie sie artgerecht und den Wünschen der Gesellschaft entsprechend halten möchten. Da geht die romantische Vorstellung des wilden Wolfs eben ganz schnell verloren. Doch neben einer Freude über die Rückkehr des Wolfes und einer Sehnsucht nach Natur haben auch diese unangenehmeren Gefühle ihre Daseinsberechtigung – am politischen Tisch und in gesellschaftlichen Diskussionen.


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