21.10.2020

Klarer Auftrag

LZ-Chefredakteur Detlef Steinert

Kämpferisch und selbstkritisch gab sich Joachim Rukwied mit seiner Rede auf dem Bauerntag in Erfurt. Die Delegierten bestätigten ihn zwar erneut in seinem Amt als Präsidenten des Deutschen Bauernverbandes (DBV). Doch deren Erwartung ist klar: Für eine dritte Amtszeit muss er seinen Blick noch mehr nach innen richten, in die Reihen der Mitglieder.

Dem früheren sowjetischen Staatsoberhaupt Michail Gorbatschow wird folgendes Zitat zugeschrieben: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Gesagt hat er das so allerdings nie. Im Herbst 1989 soll er aber glaubwürdigen Quellen zufolge zu Erich Honecker, damals Staatsoberhaupt der DDR, gesagt haben: „Ich glaube, Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren.“ Damit wollte er Honecker ermahnen, die Zeichen der Zeit nicht zu übersehen und sich Reformen zu verschließen. Gorbatschow hatte da schon erste zarte Schritte in Richtung Öffnung der damaligen Sowjetunion eingeleitet. Was seitdem geschehen ist, ist Geschichte. Die Sojwetunion ist ausei­nan­dergefallen, der Ostblock hat sich aufgelöst und die politische Weltordnung ist eine andere.

„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ An diesen Satz musste ich denken, als ich nach dem Bauerntag in Erfurt nach Hause gefahren bin. Ich habe mich gefragt, ob auch Joachim Rukwied, der dort in seinem Amt als Präsident des DBV bestätigt wurde, selbst an diesen Satz gedacht haben mag. Manche Delegierte des Bauerntages dürften ihn im Hinterkopf gehabt haben, als sie seiner Grundsatzrede zugehört haben. Jedenfalls brachte ein Delegierter deutlich zum Ausdruck, dass er sich Rukwieds Ansprache in dieser Deutlichkeit schon viel früher gewünscht habe. Rukwied hat also anscheinend noch den richtigen Zeitpunkt erwischt, um klarzumachen: Die Führung des DBV hat verstanden, dass sich manches sichtbar ändern muss, auch an der eigenen Verfasstheit. Sichtbar auch deshalb, weil es eben nicht stimmt, dass der Deutsche Bauernverband als Dachverband aller 18 regionalen Bauernverbände überhaupt nichts bewegen würde oder keine Erfolge vorzuweisen habe. Die Liste kann sich durchaus sehen lassen, wie eine Aufstellung zeigt, die auf jedem Platz in der Messehalle in Erfurt ausgelegt war. Der Haken an der Sache ist bloß: Viele bekommen nicht mit, was und wo der Dachverband aktiv ist. Denn vieles spielt sich im Verborgenen ab und manchmal können Verhandlungserfolge auch in Gefahr geraten, wenn etwas zu früh an die Öffentlichkeit gerät.

Schon im Februar, als der Rheinische Landwirtschaftsverband (RLV) in Wesel einen regionalen Bauerntag abgehalten hat, dürfte das manchem aufgegangen sein. Damals plauderte Rukwied aus dem Nähkästchen und verdeutlichte so den  600 Zuhörerinnen und Zuhörern, was einen großen Teil seiner Arbeit ausmacht: fachlich fundierte Argumentationen aufzubauen und diese wie ein Klinkenputzer im Politikbetrieb in Brüssel und Berlin und andernorts unter die Entscheider zu bringen. Das ist Kärrnerarbeit und selten plakativ und schlagzeilentauglich. Hinzu kommt das politische Naturgesetz, dass kaum ein politischer Vorstoß so Realität wird, wie er ersonnen wurde. Ergebnisse liefern nur Kompromisse. Und solche lassen sich auch kaum in griffige, einprägsame Formeln pressen. Sie polarisieren auch nicht. Leidet Rukwieds Ansehen in der breiten Masse der Landwirtinnen und Landwirte schon allein da­runter, gibt es noch einen weiteren Aspekt. Rukwied punktet nicht unbedingt mit Nähe oder Charisma. Eher hinterlässt er meist einen kalkulierenden und nüchternen Eindruck. So wirkt er emotional distanziert und vielleicht sogar abgehoben. Doch dafür kann Rukwied nichts. Ein Mensch ist eben wie er ist. Auch einem Präsidenten muss erlaubt sein, sein Wesen nicht verstellen zu müssen, zumal Verstellungen sowieso irgendwann auffliegen und dann der Zweifel an der Glaubwürdigkeit groß wird.

Rukwied hat mit seiner Erfurter Rede zu verstehen gegeben, dass er verstanden hat. Er hat Versprechungen gemacht, die hoffen lassen, dass sich im Dachverband Veränderungen vollziehen. Jünger und weiblicher will er den aufgestellt sehen, und es soll eine Satzungsänderung geben, mit der nicht nur Mitglieder in der ersten Reihe in Führungspositionen gewählt werden können. Zudem gelobte er eine bessere Kommunikation nach innen. Das soll mehr Transparenz schaffen, was der Verband tut, und somit für Rückhalt sorgen. Lautet doch eine alte Weisheit von Kommunikationsexperten: „PR begins at home“ – will heißen: Öffentlichkeitsarbeit beginnt zu Hause, bei den eigenen Leuten; nur wenn die überzeugt sind, ergibt sich eine starke Botschaft nach außen, gegenüber der Gesellschaft ganz allgemein und gegenüber der Politik. Ob man die Ankündigungen schon als Reform bezeichnen kann, da halte ich mich zurück. Sollten es aber Ankündigungen bleiben und keine spürbaren Veränderungen im Inneren folgen, dürfte einem wieder Gorbatschow in den Sinn kommen. Der hat viel für eine demokratische Entwicklung in den ehemals sozialistischen Ländern bewirkt, im eigenen Land ist die Erinnerung an seine Leistungen allerdings längst verblasst.


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