14.10.2020

Nutzen statt verteufeln

LZ-Chefredakteur Detlef Steinert

Das Nobelpreiskomitee hat in den vergangenen Tagen die Preisträger der von dem schwedischen Erfinder und Industriellen Alfred Nobel gestifteten Auszeichnung bekannt gegeben. Die Preisvergabe in zwei Bereichen lenkt in diesem Jahr den Blick auf eine von vielen vernachlässigte Herausforderung.

Ich fiebere jedes Jahr mit, wenn das Nobelpreiskomitee in Stockholm im Herbst die Preisträger der höchsten Auszeichnung verkündet, die jemand für seine wissenschaftliche Leistung, sein literarisches Schaffen oder seinen Einsatz für den Frieden auf dieser Erde erhalten kann. Sicher gab es seit 1901 als die Nobelpreise erstmals vergeben wurden, immer wieder Jahre, in denen mancher die Entscheidungen des ­Komitees nur mit Kopfschütteln quittiert hat. Mal lag die Entdeckung, für die Preisträgerinnen oder Preisträger ausgezeichnet wurden, schon Jahrzehnte zurück, mal waren sie so theoretischer Natur, dass Unkundige deren Tragweite oder Bedeutung nur schwer oder gar nicht einschätzen konnten. Beim Literatur- und beim Friedensnobelpreis gehen die Meinungen sowieso seit jeher auseinander, ob die jeweilige Wahl die treffende ist.

Beim Friedensnobelpreis und bei dem Preis für Chemie hätte die Wahl in diesem Jahr allerdings nicht besser sein können. Mit der US-amerikanischen Biochemikerin Jennifer Doudna und der Französin Emmanuelle Charpentier werden zwei Forscherinnen ausgezeichnet, die mitten in ihrer wissenschaft­lichen Laufbahn stehen und deren Entdeckung einen handfesten praktischen Nutzen hat. Die von ihnen entwickelte Genschere CRISPR/Cas hat die Möglichkeiten der Biochemie revolutioniert. Sie erlaubt punktgenaue Veränderungen im Erbgut von Organismen, von Bakterien genauso wie von Pilzen, Pflanzen oder Menschen. Sie kann also helfen, Herausforderungen zu meistern, die mit gewöhnlichen Methoden nicht mehr oder viel zu langsam zu lösen sind. In der Pflanzenzucht kann sie so etwa dazu beitragen, Toleranzen gegenüber Pilzkrankheiten oder gegen Wassermangel zu züchten. Von vielen fortschrittlich orientierten Kreisen wurde die Preisverleihung daher positiv aufgenommen. Andere warnten dagegen vor den Gefahren, etwa einer unkontrollierten Nutzung zur Manipulation menschlichen Erbguts. Die Warnung muss ernst­genommen werden, aber reicht sie als Begründung aus, um auf eine Technologie zu verzichten, die der Menschheit an anderer Stelle helfen kann, gegen eine der größten Geißeln der Menschheit anzukämpfen? Nein.

Legt man den Hungerindex zugrunde, den die Welthungerhilfe gemeinsam mit der Hilfsorganisation Concern Worldwide erstellt und veröffentlicht, breitet sich diese Geißel gerade wieder aus. Die Menschheit entfernt sich demnach wieder weiter von dem von den Vereinten Nationen ausgegebenen Ziel, den Hunger bis 2030 global zu besiegen. Laut Welthungerhilfe hungern weltweit derzeit 690 Millionen Menschen, zwei Milliarden leiden an Mangelernährung. Obwohl noch nicht in den aktuellen Zahlen berücksichtigt, befürchten die Autoren des Hungerindex, dass die Corona-Pandemie als Brandbeschleuniger wirkt und die Situation noch verschärft.

Eine Organisation, die sich dem Kampf gegen den Welthunger verschrieben hat, ist das World Food Programme (WFP). Sie ist bei den Vereinten Nationen angesiedelt und arbeitet nach dem Motto „auf Katastrophen reagieren, Leben retten, Lebensgrundlagen verbessern“; sie leistet also Lebensmittelhilfe im Krisenfall, unterstützt aber auch Menschen dabei, sich eine eigene, dauerhafte Nahrungsmittelversorgung aufzubauen. Diese Bemühungen im Kampf gegen den Hunger sowie der Beitrag zur Verbesserung der Friedensbedingungen in Konfliktgebieten waren Anlass für das schwedische Nobelpreiskomitee, der Organisation in diesem Jahr den Friedensnobelpreis zuzusprechen. Für das Vergabekomitee ist der Kampf gegen den Hunger auch ein Kampf gegen den Krieg und für den Frieden. Darin sehe ich auch den gemeinsamen Dreh- und Angelpunkt mit der Entscheidung in der Kategorie Chemie. Wie sich die Versorgung einer nach wie vor wachsenden Weltbevölkerung sicherstellen lässt, ohne bestehende Konflikte zu befeuern oder neue zu provozieren, spielt in der Öffentlichkeit derzeit kaum eine Rolle. Dabei liegt in dieser Frage mehr Zündstoff als in der, welche negativen Folgen neue Technologien wie eben CRISPR/Cas haben können.


 

 

 

 

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