19.01.2022

„Pestizidatlas 2022“ lässt alte Gräben wieder sichtbar werden

Foto: Heinrich-Böll-Stiftung

Mit dem „Pestizidatlas 2022“ sind die alten Gräben zwischen den Umweltorganisationen und dem landwirtschaftlichen Berufsstand beziehungsweise der Pflanzenschutzmittelindustrie vergangene Woche wieder sichtbar geworden. Der Industrieverband Agrar (IVA) reagierte mit Unverständnis auf den Report, den die den Grünen nahestehende Heinrich-Böll-Stiftung, das Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN) Germany und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) am Mittwoch vergangener Woche veröffentlichten. „Statt, wie versprochen, neue Daten und Fakten zur aktuellen Entwicklung zu präsentieren, fallen die Autoren des Reports zurück in Kampagnenreflexe und konstruieren aus altbekannten Vorwürfen und teils fragwürdigen Zahlenspielen ein Zerrbild des Pflanzenschutzes in der Landwirtschaft“, beklagte der IVA. Auf die Frage, wie man die Zielkonflikte von Ernährungssicherung und Ökologie löse, finde man im Atlas keine Antworten.

Während sich in der Zukunftskommission Landwirtschaft (ZKL) Agrar- und Umweltverbände konstruktiv über die Perspektiven der Landwirtschaft, einen nachhaltigen Einsatz und Wege zur Reduktion von Pflanzenschutzmitteln ausgetauscht hätten, versuche der Pestizidatlas, die alten Gräben wieder aufzureißen, monierte der Industrieverband. Und dies werde mit teils unlauteren Mitteln getan. „Das ist schade, denn die Debatte war schon viel weiter, offener und ehrlicher“, so IVA-Hauptgeschäftsführer Frank Gemmer.

Der Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes (DBV), Bernhard Krüsken, stellte klar, dass Pflanzenschutz kein Selbstzweck sei. Auch dieser Atlas erkenne an, dass Pflanzen vor Krankheiten und Schädlingen effektiv geschützt werden müssten, um die Versorgung mit Nahrungsmitteln sicherzustellen – und zwar im klassischen und im ökologischen Anbau, betonte Krüsken. Die Herausgeber des „Pestizidatlas 2022“ fordern von der neuen Bundesregierung eine „konsequente Reduzierung“ des Pflanzenschutzmitteleinsatzes. Vor allem besonders toxische Pestizide müssten verboten und bereits in der EU verbotene Pestizide dürften nicht länger exportiert werden, so die Organisationen. Rückenwind erhielten sie von weiteren Umwelt- und von Ökoverbänden sowie den Grünen.

Der „Pestizidatlas 2022“ zeigt den Organisationen zufolge, dass die weltweit eingesetzte Pestizidmenge seit 1990 um 80 % gestiegen ist, in Südamerika sogar um fast 150 %. Der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen wie Soja als wichtiges Futtermittel habe zu einer „gravierenden“ Ausweitung des Herbizideinsatzes in Ländern mit großer Artenvielfalt geführt. Auch in der EU liege die Pestizidnutzung mit rund 350 000 t auf einem hohen Niveau. In Deutschland würden zwischen 27 000 t und 35 000 t Pestizidwirkstoffe pro Jahr verkauft. Eine fatale Wirkung habe der Pestizideinsatz auf die Biodiversität: Konventionell bewirtschaftete Äcker wiesen nur 3 % der floristischen Artenvielfalt auf, die auf noch nie mit Pestiziden behandelte Acker zu finden seien. Bei Ökoäckern sei der Anteil mit 53 % erheblich höher.

Laut DBV-Generalsekretär Krüsken zeigt der „Pestizidatlas 2022“ vor allem, dass in vielen Teilen der Welt sehr viel weniger sorgfältig mit Pflanzenschutzmitteln umgegangen wird als in Deutschland. Die deutschen Bauern hätten ihren Pflanzenschutzmitteleinsatz seit den 1990er-Jahren halbiert und würden weiter an einer Reduzierung der Mengen arbeiten.

AgE

Hier finden Sie den Pestizidatlas 2022