10.05.2023

Viel Gönnen ist nicht drin

LZ-Chefredakteur Detlef Steinert

Deutlich bessere Preise haben im Wirtschaftsjahr 2021/22 auch für bessere Betriebsergebnisse gesorgt. Während die Einnahmen über die Jahre schwanken, gehen die Kosten aber selten runter. Trotz Sparsamkeit bei den privaten Ausgaben stehen so unter dem Strich keine üppigen Beträge. Und die sind auch noch von neuen Auflagen bedroht.

Kurz vor Redaktionsschluss der LZ Rheinland in dieser Woche hat der Deutsche Bauernverband (DBV) eine Studie (siehe S. 10) vorgelegt, die sich mit den wirtschaftlichen Folgen der Sustainable Use Regulation (SUR) befasst – also dem Vorschlag der EU für einen nachhaltigen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Deren Schlußfolgerungen dürften in vielen Betrieben keinen Jubel auslösen. Egal ob Ackerbaubetrieb oder Futterbaubetrieb, egal ob guter oder schwacher Standort: Der Verzicht auf chemischen Pflanzenschutz beschert durch die Bank einen erheblichen Einkommensverlust. Im günstigsten Fall (Futterbau mit guter Fläche­­nausstattung und mittlerer Pflanzenschutzintensität) beträgt er gut 110 € je ha. Auf guten Ackerstandorten mit hohem Ertragsniveau belaufen sich die Einbußen dagegen auf 449 € und im Gemüsebaubetrieb sogar auf 6 900 € je ha.

Was solche Einbußen für die wirtschaftliche Situation des eigenen Betriebes und der eigenen Familie bedeuten, kann sich jeder selbst ausrechnen. Was das für einen ganzen Wirtschaftszweig und individuell auch für die Menschen bedeutet, die damit ihr Einkommen erwirtschaften, macht auch ein Blick auf die Statistik deutlich. Der fällt beileibe nicht optimistisch aus. Denn sogar in Jahren mit guten Preisen, wie etwa dem Wirtschaftsjahr 2021/22, bleibt den Familien vom Betriebsergebnis nichts übrig. Im Gegenteil: Selbst bei einem Spitzengewinn, wie ihn die Betriebe des Testbetriebsnetzes in NRW in dem Jahr im Mittel erzielten, steht unter dem Strich ein deutliches Minus. Konkret ergibt sich nach Abzug der Entnahmen von einem Gewinn in Höhe von knapp 85 000 € ein Fehlbetrag von 5 000 €. Dieses Loch dürfte noch um einiges größer ausfallen, sollten die Vorstellungen der EU-Kommission zum Pflanzenschutzeinsatz wahr werden.

Die SUR würde somit verschärfen, was in der Öffentlichkeit oft unbemerkt bleibt, aber seit Jahren gang und gäbe ist: Dass die Betriebe im Durchschnitt mit dem landwirtschaftlichen Einkommen nicht auskommen und Abschreibungen aufzehren müssen. So legen es jedenfalls die Zahlen des Testbetriebsnetzes des Bundes nahe. Die Einsichten, die sich daraus ergeben, sind fatal. So können die Inhaberfamilien aus den laufenden Erträgen kaum die Beträge bestreiten, die nötig sind, um den eigenen Arbeitsplatz und somit das künftige Betriebseinkommen langfristig zu sichern. Immerhin hängt in der Landwirtschaft an einem Arbeitsplatz ein Finanzierungsbedarf von knapp 500 000 €. In Gewerbe und Handel liegt der Aufwand dagegen um sechsstellige Beträge niedriger.

Aus der Auswertung der Landwirtschaftskammer zum privaten Geldbedarf der Betriebe (siehe S. 16) geht außerdem hervor, dass generell ein erklecklicher Teil der Ausgaben, die landwirtschaftliche Betriebe vom Gewinn bestreiten müssen, betrieblich bedingt sind. Dazu gehören auch die Entnahmen für das Altenteil. Selbst wenn man die Zahlungen aus der landwirtschaftlichen Rentenkasse dazurechnet, ergibt sich für die Hofübergeber eine ähnliche Einschätzung wie für die Hofübernehmer: Die Gelder, die ihnen aus landwirtschaftlicher Erwerbstätigkeit zur Verfügung stehen, schaffen keinen großen Spielraum, um sich privat viel gönnen zu können.

Insofern sollte es die Öffentlichkeit schon verwundern, dass trotz einer solchen Einkommensituation noch so viele Menschen ihr Herz der Landwirtschaft schenken. Der betriebswirtschaftlichen Logik folgend, müssten angesichts solcher Zahlen doch viel mehr ihre Hoftore zusperren. Dass dies (noch) nicht passiert ist, ist vor allem drei Umständen geschuldet. Wer Freude am Beruf hat (Faktor 1), schnallt auch mal den Gürtel enger, um den Betrieb am Laufen zu halten (Faktor 2). So belegt die Statistik, dass die privaten Konsumausgaben in der Landwirtschaft regelmäßig deutlich unter denen vergleichbarer Haushalte liegen. Zudem erschließen sich viele Betriebe zusätzliche Einkünfte (Faktor 3), zum Beispiel mit Photovoltaikanlagen. Die gehen nicht in die Testbetriebsstatistik ein, bessern aber die Einkommenssituation auf und entspannen so die wirtschaftliche Situation. Wenn die Politik über zusätzliche Reglementierungen nachdenkt, sollte sie die drei Faktoren im Kopf behalten: Wem bürokratische Auflagen (z. B. mit der SUR) den Spaß verderben oder wem seit Monaten klare Perspektiven vorenthalten werden (siehe Umbau der Tierhaltung), wird immer weniger bereit sein, den Kernbetrieb weiter aus anderen Quellen querzufinanzieren oder an eigenen Bedürfnissen zu sparen, und dann doch ökonomisch handeln und das Hoftor zusperren.