25.03.2020

Wachsende Wertschätzung

Christiane Närmann-Bockholt

Im Sommer soll die „Zukunftskommission Landwirtschaft“ an den Start gehen. Der Blick in die Zukunft ist in diesen Tagen allerdings verstellt, die Sorgen um die Gegenwart überlagern vieles. Aber es gibt auch Lichtblicke.

Die Corona-Pandemie hat sich längst in alle Bereiche eingeschlichen, ob Familienleben oder Arbeitswelt – nichts ist mehr so, wie es noch vor wenigen Wochen war. Alles hat sich dem SARS-CoV-2 unterzuordnen: Das öffentliche Leben scheint stillzustehen, Schulen sind seit Mitte des Monats geschlossen, Versammlungen und Veranstaltungen fanden in diesem Monat nicht mehr statt, Termine werden auf später verschoben oder ganz abgesagt.

Zunächst abgesagt, aber einen Tag später doch stattgefunden hat ein Treffen in Berlin: Bauernverband und „Land schafft Verbindung“ haben am Dienstag letzter Woche ein Konzept für die „Zukunftskommission Landwirtschaft“ an Bundeskanzlerin Merkel und Landwirtschaftsministerin Klöckner übergeben (siehe S. 11). Damit kamen DBV-Präsident Rukwied und LsV-Sprecher Andresen dem Auftrag nach, den ihnen die Kanzlerin beim Agrargipfel Anfang Dezember 2019 erteilt hatte. Themen auf der Agenda der Zukunftskommission sollen die Wettbewerbsfähigkeit der Landwirtschaft, wirtschaftliche Nachhaltigkeit, Umwelt, Klimaschutz und Tierhaltung sein. Besetzt werden soll die Kommission mit drei gleichgewichteten Säulen: Landwirtschaft, Wissenschaft und Beratung sowie andere gesellschaftliche Gruppen, da­runter vor allem der Verbraucher sowie Natur- und Umweltschutz.

Schon der Start ist holprig und das nicht nur wegen der Terminverschiebung. Die Umweltorganisationen fühlen sich schon zu Beginn übergangen und reagieren verärgert, weil sie sich nicht in die Erarbeitung des Konzepts einbezogen sehen. Ein von Merkel anberaumter Termin mit BUND, DNR, NABU, WWF und Greenpeace am selben Tag zum Thema Zukunftskommission fiel der Corona-Krise zum Opfer und wurde vom Kanzleramt abgesagt. Es geht um Einfluss, um das Abstecken von Claims. Für die Umweltverbände ist es nicht akzeptabel, dass Sekretariat und Organisation der Kommission beim Bundeslandwirtschaftsministerium liegen sollen. BUND und Co. wollen die Federführung beim Bundeskanzleramt sehen und keine weiteren Vorfestlegungen.

Die Erwartungen an die Zukunftskommission sind hoch. Wie soll die Landwirtschaft der Zukunft aussehen und was ist Politik und Gesellschaft diese Landwirtschaft wert? Gerade in diesen Wochen ist allenthalben zu spüren, dass der heimischen Landwirtschaft ein besonderer Stellenwert zukommt. Gerade jetzt erkennen die Menschen, wie unverzichtbar eine Lebensmittelerzeugung vor Ort, wie elementar eine leistungsfähige und gut funktionierende, regional verwurzelte Landwirtschaft im eigenen Land ist. Der Ansturm auf die Hofläden hat das in den letzten zwei Wochen einmal mehr gezeigt. Der Kauf von Eiern, heimischem Gemüse und Kartoffeln hat sprunghaft zugenommen, bis hin zu den sozial geächteten Hamsterkäufen. Auch so lässt sich die Verbindung zwischen Landwirt und Verbraucher wieder stärken.

Die Land- und Ernährungswirtschaft als systemrelevante In­frastruktur anerkannt hat auch das Bundeskabinett, als es am Montag das Corona-Hilfspaket auf den Weg brachte. Die Aufrechterhaltung der Lebensmittelversorgung habe in der jetzigen Lage höchste Priorität, erklärte die Landwirtschaftsministerin nach der Kabinettssitzung. Eine Erfahrung, die lange vermisst wurde: Als Bauer wieder gefragt zu sein, die eigene Arbeit und die eigenen Erzeugnisse wertgeschätzt zu sehen. Als Landwirt und Produzent gesunder Lebensmittel gebraucht und nicht vorrangig als Energiewirt und Landschaftspfleger gesehen zu werden. Der Pandemie scheint in Kürze zu gelingen, woran sich die Landwirtschaft mit Aktionen zur Öffentlichkeitsarbeit lange Zeit vorher abgearbeitet hat. In der öffentlichen Meinung bekommen jetzt die Stimmen die Oberhand, die betonen, wie wichtig eine starke und wettbewerbsfähige deutsche Landwirtschaft ist. Das Thema Ernährungssicherung erlangt wieder einen angemessenen Stellenwert und sollte Basis zukünftiger Planungen und Entscheidungen sein. Unter diesen Vorzeichen kann auch die „Zukunftskommission Landwirtschaft“ zu Ansichten und Erkenntnissen kommen, die dem Land guttun.