13.01.2021

Was dem Wolf blüht

LZ-Chefredakteur Detlef Steinert

Landwirtschaft und Naturschutz unter einem Dach – Ministerin Ursula Heinen-Esser wird nicht müde zu unterstreichen, dass diese Konstellation gute Voraussetzungen bietet, um beide Seiten mitei­nan­der zu versöhnen. In vielen Punkten ist ihr das auch gelungen. Ob sie in der Wolfsfrage die Rolle als Vermittlerin ausfüllt, muss sich noch erweisen.

Was den Wolf angeht und unzählige Risse von Nutztieren, die seit 2018 die Bevölkerung am Niederrhein beschäftigen, kann man unmissverständlich festhalten: Es wurden Fehler gemacht. Fehler räumt auch die BUND-Kreisgruppe Wesel auf ihrer Internetseite ein. Dort heißt es: „Der Wolf ist ein lernfähiges Tier und so ist es nicht verwunderlich, dass die Wölfin GW954f (Anmerkung der Redaktion: Hierbei handelt es sich um die Wölfin, die landläufig Gloria genannt wird) immer wieder Übergriffe auf Weidetiere unternimmt. Sie hat gelernt, dass es eine leichte Möglichkeit ist, Beute zu machen, viel erfolgreicher, als hinter Rehen im Wald herzulaufen. Auf der anderen Seite haben wir Menschen es zugelassen, dass die Wölfin diese Erfahrungen machen konnte.“

Mit ihrer Einschätzung liegt die Regionalgruppe des Bunds für Umwelt- und Naturschutz, dafür steht das Kürzel BUND, richtig. Allerdings würde sie die Aussage anders interpretiert haben wollen als ich. Man braucht nämlich nur den letzten Satz der BUND-Passage zu ergänzen, schon dringt man zum Anfang des Problems vor. Dass Gloria die Möglichkeit bekommen hat, in Schermbeck und Umgebung Nutztiere zu reißen, hat ihren Ausgangspunkt darin, dass sie nicht daran gehindert wurde, in die Region einzuwandern. Letztlich hat es also der Mensch zugelassen, dass sie die Erfahrung machen konnte, dass es sich innerhalb von Weidezäunen leichter Beute machen lässt als in freier Wildbahn. Damit war es auch der Mensch, der es ihr ermöglicht, diese Erfahrung an den Nachwuchs weiterzugeben, der sich mittlerweile eingestellt hat.

Die Diskussion über die Entnahme kennt mittlerweile so viele Facetten, dass es auch Experten schwerfällt, einen klaren Blick zu behalten. Kommen noch überbordende Emotionen hinzu – aufseiten von Wolfsbefürwortern genauso wie auf seiten geschädigter Tierhalter –, gerät auch die Politik in schwieriges Fahrwasser. Die Wellen der Gefühle erreichen schon einmal Tsunami-Ausmaße. Zum Beispiel wenn sich Zehntausende Mitbürger hinter eine Online-Petition gegen eine Entnahme von Gloria stellen. Aber zum Beispiel auch, wenn es nicht mehr nur Schafe trifft, „auf die sowieso eines Tages die Schlachtung wartet“ (so liest man oft in den digitalen Medien), sondern mit Ponys auch Tiere mit Familienanschluss. Wie will die Politik solche Wogen glätten?

Bislang macht es eher den Eindruck, die Landespolitik habe sich geduckt und die Wellen seien über sie hinweggeschwappt. Das ist mitunter verständlich, aber, bleibt man im Tsunami-Bild, auch fatal. Rollt die Welle ins Meer zurück, hinterlässt sie nämlich eine Spur der Verwüstung. Ursula Heinen-Esser hat sich als Ministerin für Landwirtschaft und Naturschutz vorgenommen, Naturnutzung und Naturschutz wieder näher zuei­nan­der zu bringen und sie eher zum Konsens denn zur Konfrontation zu führen. Wer sich wie sie diese Mammutaufgabe vorgenommen hat, dem kann es naturgemäß nicht leichtfallen, sich beim Thema Wolf als Wellenbrecher zu beweisen. Eine der beiden Parteien, den Wolfsfreunden oder den Wolfsgegnern, würde auch jeder andere mit einer eindeutigen Antwort auf die Frage „Entnehmen oder nicht entnehmen?“ vor den Kopf stoßen. Bei der Ministerin hätte das aber die Folge, dass die zarten Brücken, die sie seit Amtsantritt gebaut hat, jäh zusammenbrechen. Es ist also nachvollziehbar, dass sie sich bisher in dem Punkt zurückgehalten hat. Wenn allerdings, wie jetzt durch das Bürgerforum Gahlen, Ministerpräsident Armin Laschet direkt um Hilfe ersucht wird, dürfte sich das nicht mehr durchhalten lassen. Laschet muss die Aufgabe schnellstens von sich wegdelegieren; aus Ressort- und Zuständigkeitsgründen, aber auch aus taktischen Gründen. Im Wettstreit um den Parteivorsitz kann er keine Unruhe gebrauchen.

Heinen-Essers Haus hat mittlerweile mitgeteilt, dass es ein Gutachten geben wird. Das beschränkt sich aber allein auf Gloria. Dabei gilt es, generell Klarheit zu schaffen, was das Land NRW beim Wolf als verhaltensauffällig wertet, um so verlässliche Maßstäbe für jegliche Entnahme zu definieren. Auf dieser Grundlage sollte sich die Ministerin keine Gedanken darüber machen müssen, bei Umwelt- und Naturschützern unten durch zu sein. Jedenfalls interpretieren wir so Aussagen von Dr. Heide Naderer, Landesvorsitzende des Naturschutzbundes (NABU) NRW. Dr. Naderer hatte in einem Interview (siehe LZ 44/2020) deutlich gemacht: „Wenn es so wäre, dass sozusagen ein der Natur angepasstes Verhalten nicht mehr gegeben ist, dann stimmt der NABU der Entnahme von Wölfen, die gelernt haben, dass Nutztiere leichte Beute sind, durchaus zu.“ Ob der NABU NRW wie der Schwesterverband in Niedersachsen dann auch Beschwerde gegen eine Landesverordnung einlegen würde?


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