19.08.2020

Weniger ist nicht mehr

LZ-Chefredakteur Detlef Steinert

Der Absatz von Pflanzenschutzmitteln war 2019 so niedrig wie seit 2001 nicht mehr. Immer noch zu viel, wettern die einen. Die anderen sehen das als Beleg für einen gezielten und verantwortungsvollen Einsatz. Worin sich beide Seiten einig sind: Die Zulassungsverfahren sind verbesserungswürdig.

Julia Klöckner hat vergangene Woche die offizielle Statistik zum Absatz von Pflanzenschutzmitteln vorgelegt. Ihre Bilanz fällt positiv aus. Die abgesetzten Mengen sind geringer geworden. Die Ministerin sieht das als Bestätigung, mit der eigenen Strategie auf dem richtigen Weg zu sein. Und die beinhaltet: die massive Förderung der Forschung im Bereich nicht chemischer Alternativen, den Ausbau der Präzisionslandwirtschaft oder neue Pflanzenzüchtungen. Naturgemäß schätzen das die Kritiker aus dem institutionellen und politischen Umwelt- und Naturschutz ganz anders ein. Sie sehen generell noch „Luft nach unten“ (Zitat Prof. Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamtes, UBA), die Bundesregierung in der Pflicht, „die Ackergifte schrittweise, aber deutlich zu reduzieren“ (Olaf Bandt, Vorsitzender des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland, BUND), und die Ministerin als „Bremsklotz für substanzielle Pestizidreduktion“ (Pressemitteilung des Bundestagsabgeordneten Harald Ebern, Die Grünen). In einem stimmen sie aber mit Klöckner und Landwirten überein, auch wenn sie das so nie ausdrücken würden: Beim Pflanzenschutz besteht Forschungs- und Handlungsbedarf.

Aber lassen Sie uns, liebe Leserinnen und Leser, noch einmal kurz einen Blick auf die nackten Zahlen werfen. Der überrascht nämlich insofern, weil die Statistik sowohl eine Zunahme der Anzahl an zugelassenen Produkten als auch an Wirkstoffen ausweist, im Vergleich zum Vorjahr und im Zehnjahresvergleich. Praktiker werden sich deswegen die Augen reiben. Ihre Erfahrung ist eine andere. Sie stellen fest, dass von Jahr zu Jahr die Auswahl und Reaktionsmöglichkeiten eher eingeschränkter als vielfältiger werden. Bestes Beispiel: der Notstand in der Bekämpfung von Läusen in Rüben. Seit keine Neonicotinoide mehr zugelassen sind, sind mehr Überfahrten nötig, um der Gefahr entgegenzuwirken, dass sich das Vergilbungsvirus mit den Läusen ausbreitet. Doch der Kampf lässt nicht viel Raum für Hoffnung. Für das Rheinland wird für die nächste Anbausaison mit ähnlichen Schäden gerechnet, wie sie jetzt aus Frankreich berichtet werden. Allerdings mit dem Unterschied, dass die französischen Zuckerrübenanbauer wohl mit einer Notfallzulassung rechnen können, die deutschen nach jetzigem Stand nicht.

Hinter dem Ausei­nan­derklaffen von Statistik und Wirklichkeit steht der zunehmende Verlust an Wirkmechanismen bei vielen wichtigen Ackerkulturen. Vor diesem warnt die Industrie schon seit Jahren. Sie ist allerdings nicht ganz unschuldig daran, weil der Fokus ihrer Aktivitäten immer mehr vom hiesigen Markt weggeht. Aber wer will ihr das auch verdenken, wenn sie es hier mit immer aufwendigeren Zulassungsverfahren bei gleichzeitig schwindender Aussicht auf erfolgreiche Zulassung zu tun hat; oder, was schon in den zurückliegenden Jahren ein großes Thema war, auch mit Zulassungsstau? Dahinter stehen auch zunehmende Anforderungen hinsichtlich Schutz von Biodiversität und Umwelt. Um es deutlich zu sagen: Das sind wichtige Aspekte im Registrierungsverfahren für Pflanzenschutzmittel. Die Zulassungsvoraussetzungen zu verwässern, nur um schneller neue Wirkmechanismen zur Verfügung zu bekommen, das will niemand, nicht die Indus-trie und auch nicht die Landwirte. Allerdings sprechen auch die sich wandelnden Ansprüche in diesem Bereich dafür, die bisherigen Vorgehensweisen bei der Zulassung von Pflanzenschutzmitteln zu überdenken, um sie spürbar zu beschleunigen. Wenn sich mit dem Klima das Spektrum an Schaderregern oder temperatur- und feuchtigkeitsabhängige physiologische Prozesse in den Pflanzen verändern, braucht es für einen wirksamen Pflanzenschutz mehr Reaktionsgeschwindigkeit statt träger und langatmiger Prozesse, die vielleicht auch noch in mehreren EU-Staaten parallel ablaufen und zu verschiedenen Ergebnissen kommen.

In vielen Regionen Deutschlands ist in diesem Jahr die Ernte erneut hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Trockenheit war dabei in zweifacher Hinsicht ein Problem. Sie war auch der Grund, dass viele Pflanzenschutzmittel nicht zur Anwendung kommen konnten, weil die Witterungsverhältnisse es nicht zugelassen haben. Das erklärt auch einen Teil der rückläufigen Absatzmengen in 2019. Aber kommt es in solchen Situationen wie in diesem Jahr und in den Vorjahren nicht besonders da­rauf an, dass die Landwirtschaft möglichst viele und wirksame Werkzeuge in der Hand hat, um angesichts von Extremen Ernten zu sichern? Pflanzenschutz, ob chemisch oder physikalisch, gehört unabdingbar dazu. Der Handlungsbedarf besteht also nicht darin, die Wahlmöglichkeiten noch mehr einzuschränken; er besteht darin, sie zu vergrößern, um passgenauer und umweltschonender handeln zu können.


 

 

 

 

Die LZ Rheinland ist Medienpartner für die Landesgartenschau in Kamp-Lintfort. Wir laden unsere Leser und Besucher unserer Website ein, sich den Internetauftritt unter www.kamp-lintfort2020.de anzuschauen. Dort finden Sie auch die Informationen rund um die Veranstaltungen auf dem Forum Landwirtschaft des Rheinischen Landwirtschafts-Verbandes (RLV). Hier gibt es „Landwirtschaft für jeden Geschmack“.

 

Service

Quicklinks

Das Landfrauentelefon

All Hentai games https://dtsmusic.top/ Foot Fetish