27.01.2021

Wo bleibt die Entspannung?

LZ-Chefredakteur Detlef Steinert

Die Feststellungen sind nicht neu. Man kennt sie, seit Jahren, wenn nicht gar seit Jahrzehnten. Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe geht zurück, die Stimmung ist schlecht und die Einkommen sind niedrig. Also, alles wie immer?

Wenn das Statistische Bundesamt meldet, dass die Zahl der Betriebe zurückgeht (S. 8), hat das jede Leserin und jeder Leser schon einmal gehört, egal wo sie oder er im Berufsleben steht, am Anfang oder im verdienten Ruhestand. Dass die Einkommenslage im Durchschnitt der Betriebe besser sein dürfte (S. 18), ist auch den meisten hinlänglich geläufig. Dass da­runter die Stimmung leidet, ist ebenso keine brandneue Erkenntnis (S. 8). Diese Feststellungen mit einem Achselzucken zu quittieren und zur Tagesordnung überzugehen, wäre allerdings fatal – auch wenn es nachvollziehbar ist, wenn sich mancher mutlos mit der Bemerkung abwendet, dass sei schon immer so gewesen und daran werde sich wohl nichts ändern.

Die aktuelle Situation ist dennoch nicht die gleiche wie seit Jahrzehnten, auch wenn sich Symptome wie niedrige Einkommen, Betriebsaufgaben und gedrückte Stimmung ähneln. Heute kommt zum wirtschaftlichen Druck noch der soziale und gesellschaftliche hinzu. Bäuerinnen und Bauern macht immer mehr zu schaffen, dass die Gesellschaft sie für bestimmte Entwicklungen verantwortlich macht, zum Beispiel in der  Tierhaltung oder im Bereich Umwelt. Gleichzeitig erwarten Mitbürger und Politik aber, dass Landwirtinnen und Landwirte Probleme lösen helfen, deren Ursachen auch woanders zu suchen sind. Etwa beim Ausstoß von klimarelevanten Gasen, zu dem nachgewiesenermaßen andere Sektoren einen weitaus größeren Beitrag leisten als die Landwirtschaft; oder beim Insektenschutz, wo Steinwüsten in den Vorgärten keinen Lebensraum für Bestäuber bieten.

Man weiß eigentlich nicht, was belastender ist: der wirtschaftliche Druck oder der gesellschaftliche? In der Kombination sind sie jedenfalls unerträglich und lassen ein Gefühl der Zerrissenheit aufkommen. Dabei zweifeln viele Bäuerinnen und Bauern auch ohne Zutun von außen daran, ob sie den richtigen Weg eingeschlagen oder auf die richtigen Ratgeber gehört haben. Haben sie etwa nicht die Empfehlung der Betriebswirtschaftler beherzigt und auf Wachstum gesetzt? Das Ergebnis empfindet nicht jeder  als befriedigend: Mehr Fläche oder mehr Tiere haben mehr Arbeit und mehr Kapitaldienst gebracht, aber nicht jedem mehr Einkommen. Auch Betriebe, die auf Diversifizierung, Einkommenskombinationen oder außerlandwirtschaftlichen Zuverdienst gesetzt haben, empfinden die Situation nicht weniger belastend. Die aktuelle Landwirtschaftszählung weist im Bundesdurchschnitt deutliche Zunahmen in diesem Bereich aus: Lediglich 55 % der Familienarbeitskräfte sind Vollzeit in der Landwirtschaft tätig; knapp ein Drittel der Arbeitszeit aller Familienarbeitskräfte dient einer Erwerbstätigkeit außerhalb des Betriebes; und vier von zehn Betrieben erzielen zusätzliches Einkommen durch landwirtschaftsnahe Tätigkeiten wie Direktvermarktung oder Erzeugung von erneuerbaren Energien; 2010 waren es noch drei von zehn. Damals erwirtschaftete nahezu jeder achte dieser Betriebe mehr als 50 % seines Gesamtumsatzes über diese Einkommensquelle, heute ist es bereits jeder Fünfte. Lässt sich daraus schlussfolgern, dass die Rezepte vergangener Jahre allesamt falsch waren? Ich denke: Nein!

Auch in der Landwirtschaft kommt es weiterhin auf die bestmögliche Ausbildung an (S. 14). Denn sie versetzt mehr als alles andere in die Lage, das betriebswirtschaftlich Notwendige in die Wege zu leiten. Denn Kosten zu senken und optimal zu vermarkten, sind nach wie vor unverzichtbar. Dafür braucht es Qualifikationen. Was aber wichtiger ist als alles andere: das richtige Betriebskonzept zu finden, um seine persönlichen Kompetenzen und die Möglichkeiten des eigenen Betriebs richtig einzuschätzen und zu entwickeln. Denn auch diese Erkenntnis hat nichts an Gültigkeit verloren. Hinter den Durchschnittswerten der Statistiken verbergen sich auch solche Betriebe, denen die wirtschaftliche Situation zwar genauso zu schaffen macht, die aber die richtigen Konzepte entwickeln können, um aus ihren Ressourcen das Beste zu machen und so besser über die Runden zu kommen.

Damit spreche ich den entscheidenden Punkt an. Solche Konzepte zu entwickeln, dafür braucht es Bedachtsamkeit für Analysen, die nicht nur auf Zahlen schielen, dafür braucht es Freiraum für Visionen und Ideen. Davon haben mich in mehr als 25 Jahren als Agrarjournalist unzählige Besuche auf Höfen in Deutschland und im Ausland immer wieder überzeugt. Ich habe in dieser Zeit aber auch feststellen müssen: Der schlimmste Feind für diese beiden Voraussetzungen ist die Sorge um die eigene Existenz. Die Sorge muss die Politik den Bäuerinnen und Bauern gerade jetzt nehmen!         


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