Zuckerrüben Journal Nr. 03/2018
10 | Zuckerrübenjournal LZ 29 · 2018 | A K T U E L L E S | P O L I T I K M A R K T B E T R I E B S W I R T S C H A F T | A N B A U | T E C H N I K | Z U C K E R | Vermarktungsinstrumente, wie zum Beispiel einen Prämienvertrag und den Einsatz von Optionen, zu nutzen. Diese Vermarktungsinstrumente wür- den je nach Marktlage für mehr Si- cherheit aller Beteiligten sorgen. Viele andere landwirtschaftliche Rohstoff- märkte zeigen, wie sinnvoll ein richtig „justierter“ Future genutzt werden kann. Warum sollte nicht auch der eu- ropäische Zuckermarkt von einem funktionierenden Terminmarkt profi- tieren? Wie stehen die Chancen für diesen Future? Hölzmann: Die Diskussion über die Einführung eines neuen Futures ist sehr kontrovers: Die Börsenbetreiber befürchten, dass dieser Future vom Markt nicht angenommen wird, weil Süßwarenhersteller, aber auch Zu- ckerfabriken zurzeit anscheinend wenig Interesse bekunden. Aus der Sicht der Süßwarenhersteller viel- leicht verständlich, schließlich sind sie zurzeit am Drücker und können billig einkaufen. Warum sich also für einen fairen, ausgewogenen Markt engagieren? Das Beispiel des europäischen Fleischmarktes zeigt, dass sich die Endverarbeiter auch oh- ne Terminmarkt wohlfühlen können. Dieses geht aber nur, solange die Pro- duzenten „mitspielen“. Während man sich bei Gebäudeinvestitionen, wie zum Beispiel einem Stall, sehr lange an die Produktion gebunden fühlt, ist eine Produktion auf dem Feld sehr viel flexibler. Von daher sollten sich auch die Süßwarenhersteller für einen funktionierenden Markt einset- zen, wenn sie sicher und zeitkri- tisch mit guten Produkten ver- sorgt werden wollen. Und wenn aus der Sicht der Börsenbetrei- ber ein neuer Future als zu viel erscheint, warum nicht den vor- handenen wenig liquiden Londoner Weißzuckerfuture ersetzen oder die Kontraktspezifikationen entsprechend ändern? Die aktuellen Preisverhandlungen sind abgeschlossen, leider unter den Erwartungen. Wie beurteilen Sie das Ergebnis? Hölzmann: Die Verhandlungen ha- ben lange gedauert und waren sicher- lich hart und zäh. Ich möchte mir nicht anmaßen, das Ergebnis zu beurteilen, war doch bereits im Vorfeld klar, dass die Zuckerrübenpreise vom Zucker- Realität beziehungsweise dem, was der europäische Markt verlangt, ent- sprechen. Gleichzeitig müssen am Kas- samarkt entsprechende Mengen mit der gleichen Spezifikation gehandelt werden. Zu den Spezifikationen zäh- len in erster Linie neben den üblichen Qualitätsanforderungen des Weißzu- ckers ◾ eine definierte Zuckerherkunft, Er- zeugung und Produktion, aus der EU (Regionalität), ◾ eine GVO-freie Produktion (Quali- tätsversprechen), ◾ eine subventionsfreie und sozialver- trägliche Produktion (Mindeststan- dards), wie sie von vielen Süßwa- renherstellern verlangt und auch häufig schon beim Verkauf ihrer Produkte ausgelobt werden. Der sogenannte Weltmarkt-Roh-Rohr- Zuckerfuture Nr. 11 und der Londoner Weißzuckerfuture Nr. 5 entsprechen diesen Spezifikationen bei weitem nicht und sind für eine Preisfindung auf dem europäischen Zuckermarkt daher nicht geeignet! Dennoch muss klar sein, dass für die Importparität des Roh-Rohrzuckers neben den spezi- ellen Bedingungen in den Erzeuger- ländern der €/$-Kurs von ausschlagge- bender Bedeutung bleibt. Die in den Kontraktspezifikationen aufgeführten Attribute sind heutzuta- ge in aller Munde und derartige Ware wird am Markt bevorzugt gefragt. Bei vielen Agrarrohstoffen werden diese Attribute ausgelobt und vom Markt be- vorzugt zu besseren Konditionen nach- gefragt. Warum nicht auch bei einem hochwertigen Produkt wie Zucker? Warum sollte die europäische Zucker- produktion, die diese Anforderungen erfüllt, nicht auch von diesem neuen Markt profitieren? Ein weiterer Vorteil eines solchen Zuckerfutures wäre die Teilnahme- möglichkeit von Spekulanten am Marktgeschehen. Freie Märkte werden durch die Terminmärkte besonders ge- pflegt, indem sie Angebot und Nach- frage steuern und damit auch für ein marktgerechtes Preisniveau sorgen. Für die Landwirte sind ehrliche Spekulanten von beson- derem Vorteil. Aber warum soll- ten die Spekulanten ehrlicher sein als andere Marktteilnehmer? Ganz einfach: Spekulanten wetten auf stei- gende oder fallende Kurse, je nach- dem, wie sie die Marktlage, sprich An- gebot und Nachfrage, einschätzen. Wenn die Meinung des Spekulanten stimmt, verdient er Geld und natürlich auch umgekehrt, und was gibt es Ehr- licheres als das eigene Portemonnaie? Die Spekulanten helfen also auch den Landwirten, wenn sie die Situation entsprechend einschätzen, während es vom Kassamarkt selten Unterstützung gibt. Dort gibt es nur eine „Einbahn- straße“ und die verläuft in Richtung billig einkaufen. So hätte es durchaus sein können, dass Spekulanten bei der Trockenheit Anfang Juli, genauso wie beim Kartoffelterminmarkt, auf stei- gende Kurse gewettet hätten und die- ses zumindest temporär zu steigenden Preisen geführt hätte. Aber ohne Fu- ture war am Zuckerrüben-Kassamarkt nichts zu merken. So ein Future würde neben der ur- sprünglichen Preisabsicherung die Möglichkeit bieten, auch noch andere 0 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 350 360 370 380 390 400 410 420 Oktober 18 März 19 Mai 19 Juli 19 Oktober 19 März 20 Mai 20 Juli 20 USD/Lbs €/t Die einzelnen Futures (Stand 04.07.2018) abgeleiteter Weißzucker-Einstandspreis frei EU-Süßwarenhersteller Kurs USD/Lbs Ableitungsversuch des EU-Weißzuckerpreises in Abhängigkeit vom Sugar Nr. 11 – aktuell und die Forwards
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy ODA5MjY=