23.09.2026

Nehmt Hilfe an!

Kathrin Fries

Eindeutige Daten darüber, wie viele Landwirte in Deutschland an psychischen Erkrankungen leiden, gibt es nicht. Während die Bundesregierung bei der Analyse auf sich warten lässt, zeigen Fallbeispiele einen Ausweg– und beispielsweise Genesungsbegleiter, dass keiner allein ist und es gute Wege in die persönliche Zukunft gibt.

„Alles für den Hof: Landwirte leiden häufiger an Depressionen“ titelte der Bayerische Rundfunk (BR) Anfang September, um mit dieser Aussage fortzufahren: „In Bayern begeht im Schnitt jede Woche ein Landwirt Suizid. Das ist deutlich mehr als in der übrigen Bevölkerung.“ Dass es gerade in dieser Branche besonders viele Fälle von psychische Erkrankungen gibt, ist eine leider bisher weitestgehend nur gefühlte Wahrheit, denn eindeutige Daten gibt es kaum. Dass gerade der BR sich des Themas annimmt, hat vermutlich auch damit zu tun, dass es hier zumindest ein bisschen Handfestes gibt. Als einziges Bundesland unterscheidet die offizielle Statistik des Freistaats bei Suiziden auch nach Berufsgruppen. Das Ergebnis dieser polizeilichen Kriminalstatistik: In der Landwirtschaft gibt es ein deutlich erhöhtes Suizidrisiko, die Suizidrate unter Landwirten ist mindestens doppelt so hoch wie in der Allgemeinbevölkerung. In einer bevölkerungsvergleichenden Analyse hatte das eine Forschungsgruppe der Deutschen Sporthochschule Köln rund um Christian Hetzel herausgefunden. Als wichtigen Hinweis geben die Studienautoren aber mit, dass kausale Faktoren nicht untersucht wurden. Wer die Branche und die Menschen in ihr kennt, hat dennoch sicher direkt Aspekte vor Augen, woran das liegen könnte. Oder sind Ihnen solche Aussagen und Gedanken fremd?

- Wie soll das nur finanziell weitergehen mit unserem Hof? Jede Entscheidung ist schwer und die Politik gibt auch keine Perspektiven.

- Diese Bürokratie macht mich fertig. Immer muss ich mich vor allen rechtfertigen, dabei will ich mich doch nur um meine Tiere/Felder kümmern.

- Ich bin doch der Mann im Haus, alle zu versorgen ist doch meine Verantwortung. Da kann ich doch nicht einfach mal nichts tun. Ich bin schließlich nicht faul.

- Die vielen Generationen bisher haben es doch auch unter schweren Bedingungen geschafft. Da will ich nicht derjenige sein, der den Betrieb aufgibt.

- Ich bin doch nicht (körperlich spürbar) krank. Warum sollte ich mich da schonen? Und was sagen die Leute, wenn ich in eine Klinik gehe?

- Egal wie sehr ich mich abmühe, ich bekomme von der Gesellschaft immer nur Kritik. Wertschätzung für meine Arbeit gibt es nie. Wozu mach ich das dann eigentlich alles noch?

„Die Sorge um den Betrieb, Stress am Arbeitsplatz, Konflikte in der Familie, kritische Lebensereignisse– irgendwann wird es einfach zu viel, um mit Belastungen alleine fertig zu werden. Wir unterstützen Sie in solchen Situationen mit einer Krisenhotline“, verspricht die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG). Hilfe auf Augenhöhe und mit besonderem Verständnis kann es vor allem in der Landwirtschaft mit ihren branchentypischen Einzigartigkeiten leichter machen, Unterstützung beim Gesundwerden anzunehmen. Denn eine Depression muss natürlich nicht in Selbstmordgedanken enden, sie ist aber mit Sicherheit kein Zustand, in dem man dauerhaft bleiben möchte.

Neben der nötigen medizinischen Hilfe können Vorbilder eine wichtige Unterstützung sein. Darum hat sich Agraringenieurin Hélène Gibaud dazu entschieden, als Genesungsbegleiterin anderen Betroffenen zur Seite zu stehen (siehe S. 68). Sie kennt vom eigenen Betrieb die Arbeitsüberlastung, den finanziellen Druck, die hohe Verantwortung und kann sich in Konflikte des Hoflebens einfühlen. Eine wertvolle Hilfe für Betroffene, so wie auch das Landfrauentelefon (siehe S. 65) und die SVLFG-Krisenhotline (Telefon: 0 56 17/8 51 01 01).

Einen spezialisierten Profi haben die BR-Autoren noch befragt: Karen Hendrix ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in Simbach am Inn und behandelt als einzige in Deutschland fast ausschließlich Landwirte. Dass ihr Angebot nicht reicht, um allen Betroffenen der Branche zu helfen, sollte auch bei den spärlich vorhandenen Zahlen schon deutlich sein. Eine valide Datengrundlage zu schaffen, vor allem aber Angebote für Behandlung und Prävention, ist keine Aufgabe des Einzelnen, sondern muss politisch nicht unter ferner liefen auf die Agenda. Der Bayerische Bauernverband war zuletzt mit seiner Forderung nach Fördergeldern für die Durchführung einer bayernweiten Studie beim dortigen Agrarministerium abgeblitzt– mit dem Argument, dass die Agrarministerkonferenz den Bund bereits letztes Jahr um die Durchführung einer bundesweiten Studie gebeten habe. Die lässt aber offensichtlich leider noch auf sich warten. Und bis dahin? Nicht nur in den grünen Berufen sollten wir uns bewusst machen, dass eine solche Krankheit kein persönliches Versagen ist, sondern– wie wir heute wissen– körperliche Prozesse nicht richtig funktionieren, was sich psychisch äußert. Und dann im Fall der Fälle auch bitte die vorhandene Hilfe nutzen!


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