Halb voll, halb leer, voll nötig
In Jahren wie diesen kann leicht der Eindruck in Bevölkerung und Politik entstehen: Ist ja alles gut. Die Getreideernte war passabel. Was braucht es da Anpassungen? Aber gerade in solchen Jahren müssen diese angepackt werden.
„Insgesamt positiv“ – so schätzt Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen das Erntejahr 2025 für die Landwirtinnen und Landwirte in Nordrhein-Westfalen ein. Von zufriedenstellenden Erträgen spricht dagegen Erich Gussen, Präsident des Rheinischen Landwirtschafts-Verbandes (RLV). Ein bisschen erinnert der unterschiedliche Blick auf die diesjährige Getreideernte an das gerne bemühte Bild vom Wasserglas: Der Optimist sieht es halb voll, der Pessimist halb leer. Ganz so verhält es sich bei den beiden natürlich nicht. Denn weder ist Erich Gussen ein Pessimist noch neigt Silke Gorißen dazu, die Welt durch eine rosa Brille zu sehen. Es kommt halt immer auch darauf an, aus welcher Position heraus jemand etwas bewertet und welche Vergleichsmaßstäbe er oder sie heranzieht. Die eine (Gorißen) muss auch an die Verbraucherinnen und Verbraucher denken und ihnen die Sorge nehmen, dass Lebensmittel knapp und teuer werden. Der andere (Gussen) muss den Finger da in die Wunde legen, wo bei den Erzeugerbetrieben die Sorgen liegen.
Gerade im Fall von Ernten reicht es jedenfalls nicht, nur auf das zurückliegende oder die beiden Vorjahre zu schauen. Die haben den Betrieben in NRW bekanntlich keine sonderlich guten Erträge beschert. So wirkt ein Ergebnis wie in diesem Jahr, das durchaus mit Steigerungen gegenüber 2024 von bis zu 30 % (bei Winterweizen) aufwartet, durchaus erstaunlich und positiv. Aber – wer vom Fach ist, weiß es – kein Jahr ist wie das andere und jedes Jahr hat seine eigenen Herausforderungen. Deswegen stellen Fachleute lieber langjährige Vergleiche an. Hier kommen Gussen und Gorißen auch zusammen und mahnen zu Recht Besserungen an, damit sich die Betriebe auf die von Jahr zu Jahr wechselnden Herausforderungen einstellen können.
Man muss es an der Stelle nicht weiter ausführen, denn die Knackpunkte liegen teils seit Jahren offen. Aber es schadet nicht, einige zu wiederholen: Das aktuelle Düngerecht sorgt für Qualitätseinbußen und bestraft die sachgerecht düngenden Betriebe; im Pflanzenschutz steigt von Jahr zu Jahr das Risiko von Ausfällen wegen Schädlingsbefall, weil kaum neue Mittel zur Verfügung stehen (weil es bei den Zulassungsverfahren hapert, aber auch weil die Industrie die Lust am heimischen Markt verliert, da sie kaum Chancen sieht, die enormen Entwicklungskosten wieder einzuspielen); Resistenzen nehmen zu und neue Schädlinge (Stichwort Schilf-Glasflügelzikade oder Japankäfer) haben den Weg zu uns gefunden. Hinzu kommt ein aktuell prekäres Preisniveau bei vielen für das Rheinland wichtigen Kulturen. In ihrer Sorge darüber sind sich Gorißen und Gussen einig.
Auch wenn es sich banal anhört, muss man an dieser Stelle auf die betriebswirtschaftliche Binsenweisheit hinweisen, dass es eben eng für die Betriebe wird, wenn der monetäre Ertrag die Kosten nicht deckt. Zu den Kostentreibern gehört neben den oben genannten Knackpunkten auch die zunehmende Bürokratie. Über die wird seit Jahren geredet, viel passiert ist bislang nicht. Damit die Rechnung für sie aufgeht, müssen die Betriebe also auf Ertrag setzen. Auch das ist eine banale Feststellung, die es aber in sich hat. Denn um Ertrag zu erwirtschaften, braucht es einerseits die ackerbaulichen Möglichkeiten (Einschränkungen siehe oben) und andererseits das passende Zuchtmaterial. Allerdings gibt es bei Weizen, Roggen und Hafer seit 1990 im mehrjährigen Durchschnitt keinen nennenswerten Ertragszuwachs. Das stellte Silke Gorißen bei der Vorstellung der NRW-Erntebilanz fest. Nicht nur hier, sondern eben auch bei der Widerstandsfähigkeit gegen ertrags- und qualitätsmindernde Faktoren ist die Pflanzenzüchtung gefordert. Jedoch: Auch da hat die Politik die Fesseln für die Unternehmen bislang nicht wirksam gelöst. Angesichts von Marktpreisen, die gerade eher mau als mega sind, gerät zudem ein Punkt aus dem Blick: die steuerfreie Risikogewinnrücklage. In guten Zeiten für schlechte Jahre vorsorgen, das kennt man aus der Bibel (sieben fette und sieben magere Jahre) und das haben Betriebe gelernt, die seit jeher mit ihren Hauptbetriebszweigen außerhalb jeglicher Marktordnung gewirtschaftet haben; kurz: ein probates und erprobtes Mittel, um Betriebe zu stabilisieren.
Die Bundes- und die EU-Politik müssen die diesjährige Bilanz der Getreideernte in diesem Licht sehen. Voll nötig ist es vor allem, den Betrieben Freiheitsgrade bei der Bewirtschaftung und bei der Finanzplanung zurückzugeben, damit sie besser aus eigener Kraft bestehen können. Das ist unerlässlich mit Blick auf die Absicht der EU-Kommission, sich in Sachen Gemeinsamer Agrarpolitik (GAP) immer mehr aus der Verantwortung für die Betriebe zurückzuziehen. Darüber ist zwar das letzte Wort noch nicht gesprochen. Aber egal, wie die anstehende GAP-Reform ausfallen wird: daran, die Betriebe widerstandsfähiger gegen Schwankungen zu machen, führt kein Weg vorbei.
