Internationales Jahr Frauen in der Landwirtschaft
Die Vereinten Nationen haben 2026 zum Internationalen Jahr der Frauen in der Landwirtschaft ausgerufen – höchste Zeit, würde ich sagen. Denn wie Phumzile Mlambo-Ngcuka, ehemalige Exekutivdirektorin von UN Women, treffend formulierte: „Frauen sind das Rückgrat der Landwirtschaft – sie produzieren über die Hälfte der weltweiten Nahrungsmittel, besitzen aber weniger als 20 % des Landes.“ Ein Jahr, das uns Frauen in der Landwirtschaft ins Rampenlicht rückt – das klingt erst mal großartig. Auch bei mir als Jungunternehmerin flattern regelmäßig Anfragen ins Haus. Vorträge über moderne Betriebsführung halten, hier Beiträge für Fachmagazine schreiben, dort ein Podcastinterview. Grundsätzlich geben einem solche Anfragen erst einmal ein gutes Gefühl, dass die Themen, für die ich mit meinem Unternehmen stehe, relevant zu sein scheinen. Wenn da nicht dieses kleine Detail wäre: Meine (Mit-)Arbeit ist erwünscht, ja wird sogar erhofft, hat aber offensichtlich keinen Wert: Entweder wird auf Honorar gar nicht eingegangen oder es wird von Beginn an ausgeschlossen.
Schauen wir es uns doch einmal genau an, was es bedeutet, beispielsweise einen 60-minütigen Vortrag auf einem Seminar zu halten: Ich mache mir vorher Gedanken, welche Inhalte ich vermitteln möchte. Erarbeite eine entsprechend eindrückliche Präsentation. Je nach Veranstaltungsort habe ich die jeweilige An- und Abreise. Und in all dieser Zeit mache ich eines nicht: Auf meinem Betrieb aktiv arbeiten. Nun habe ich zwei Möglichkeiten: Mitarbeiter für meine Aufgaben abstellen oder alles vor- und nacharbeiten. Letztlich kostet mich beides Geld – ganz real kalkulierbares Geld.
Und genau da kommen wir zum Punkt: Wenn wir in einer Welt leben würden, in der es selbstverständlich ist, eine Leistung entsprechend ihrem Wert zu bezahlen, bin ich sehr gerne bereit, mein Wissen weiterzugeben. Mit einem obligatorischen Blumenstrauß und Präsentkorb holt man mich dort aber nicht ab. Als Unternehmerin habe ich gelernt, dass kostenlose Arbeit keine Wertschätzung ist – sie ist eine Entwertung meiner Expertise. Die Hoffnung, dass ich schon Ja sage, weil es ja „nur eine Stunde“ ist oder „eine tolle Chance für Sichtbarkeit“ – diese Hoffnung ist keine echte Wertschätzung. Sichtbarkeit zahlt keine Rechnungen und bringt kein Unternehmen voran.
Das UN-Jahr soll Frauen in der Landwirtschaft sichtbar machen und stärken. Aber Stärke zeigt sich nicht nur darin, alles zu schaffen, sondern auch darin, zu wissen, wo die eigenen Grenzen liegen und ein klares Nein angebracht ist. Also liebe Anfragesteller: Ja, ich bin gerne dabei – wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Und liebe Kolleginnen: Traut euch, euren Wert zu kennen und zu benennen. Das ist professionelles Unternehmertum. Nicht nur im Jahr der Landwirtin, sondern immer.
Christina Ingenrieth-Klauth

