20.05.2026

Ist das etwa auch Landwirtschaft?

Kathrin Fries

Aktuell teilt der Rheinische Landwirtschafts-Verband sich in Neuss die Laga-Fläche, die Forum Landwirtschaft genannt wird, mit unterschiedlichsten Mitausstellern – manche mit eindeutigem Bezug zur Primärproduktion, bei anderen ist es vielleicht nicht für alle offensichtlich. Doch welche gedanklichen Grenzen gibt es auf Ver­braucher- und Erzeugerseite und sind sie gerechtfertigt?

Wenn der Verein Ernährung-NRW mit einer Auswahl seiner Mitglieder beispielsweise auf der Grünen Woche in der NRW-Länderhalle ausstellt, ist das auf einer Messe, die von sich sagt, die international wichtigste für Ernährungswirtschaft, Landwirtschaft und Gartenbau zu sein, für Verbraucher schlüssig. Da sorgt es eher für Erstaunen, welche Lebensmittel alle aus NRW stammen und wie vielfältig das Angebot ist.

Vergangenen Samstag präsentierte sich Ernährung-NRW auch auf der Laga in Neuss – schon zum zweiten Mal, denn auch am Eröffnungstag waren Mitgliedsbetriebe im Zelt präsent. An diesem Aktionstag wie auch jetzt war das ausgegebene Ziel, den Besuchern einen Tag voller regionaler Spezialitäten, Einblicke in die Lebensmittelproduktion und direkter Gespräche mit Erzeugern zu bieten. Mit dabei waren diesmal: RheinlandGärtner aus Willich, Bauer Funken aus Kempen, Hielscher Hof aus Leichlingen, Fleischhof Rasting aus Meckenheim, Edeka Rhein-Ruhr aus Moers und der Verband nordrhein-westfälischer Fischzüchter und Teichwirte. Da stellt sich mancher die Frage, ob das Landwirtschaft ist. Denn was eher vor dem inneren Auge erscheint, ist der große Trecker bei der Feldarbeit, die Tiere im Stall oder auf der Weide, die Erntehelfer im Spargelfeld, ja vielleicht noch der Obst- und Gemüsebau.

Ein Erlebnis, was mir nachdrücklich in Erinnerung geblieben ist und diese für manche gedanklich bestehende Diskrepanz verdeutlicht, ist dieses: Vor einigen Jahren wurden bei einer Ak­tion auf dem Bonner Münsterplatz von den sich engagierenden Landwirten unter anderem kleine Chipstüten an die Passanten verteilt, um mit den Verbrauchern in den Dialog zu kommen. Ich war für die Berichterstattung vor Ort, und eine Frau mittleren Alters, die gerade ihre Chipstüte öffnete, drehte sich zu mir und fragte mit Blick zur Tüte: „Und was hat das jetzt mit Landwirtschaft zu tun?“ Als Vertreterin der grünen Branche setzte da Schnappatmung ein. Die Frage ist doch eher: Was aus der Tüte hat NICHT mit Landwirtschaft zu tun? Kartoffelscheiben, in Raps- oder Sonnenblumenöl frittiert, mit Gewürzen wie Paprika, Knoblauch und Zwiebel verfeinert … Die Erklärung machte ihr deutlich: Ja, das alles ist Landwirtschaft!

Doch nicht nur mancher Verbraucher unterschätzt, was alles zu Landwirtschaft gehört. Wenn wir diese Woche beispielsweise auf den anstehenden Mühlentag hinweisen, beinhaltet das natürlich einerseits den Aspekt des Ausflugstipps – oder was machen Sie an Pfingstmontag? Mühlen sind andererseits auch ganz praktisch lebensmittelverarbeitende Unternehmen oder sind es zumindest mal gewesen. Denn auch die lebensmittelverarbeitenden Unternehmen verzeichnen einen Strukturwandel, wie das Bundeszentrum für Ernährung aktuell publik machte: Zwischen 2002 und 2022 sei in Deutschland die Zahl der kleinen und mittleren lebensmittelverarbeitenden Unternehmen (Milch- und Fleischverarbeitung, die Mühlenwirtschaft, die Back- und Teigwarenherstellung, die Obst-, Gemüse-, Kartoffelverarbeitung und auch die Speiseölherstellung) um 44 % zurückgegangen. Besonders betroffen seien auch kleine, regionale Schlachthöfe und Fleischereien sowie Mühlen und Bäckereien. Sie verzeichnen einen Verlust von bis zu 60 % und mehr.

Da bietet sich der Mühlentag doch geradezu an, um diese durchaus problematische Entwicklung zu thematisieren. Denn was dahintersteckt, ist eine zunehmende Konzentration: Mittlerweile erwirtschaften rund 3 % der Lebensmittelunternehmen über 80 % des Umsatzes. Und dass eine solche Entwicklung weder für die Verbraucher noch für die landwirtschaftlichen Erzeuger im engeren Verständnis gut ist, sollte offensichtlicher sein als die Frage, wer oder was zur Landwirtschaft gehört. „Wir waren verwundert, wie geräuschlos diese tiefgreifenden Veränderungen vonstattengingen“, schrieb das Forschungsteam der Universität Freiburg unter Leitung von Prof. Dr. Arnim Wiek, das das Gutachten „Strukturwandel in der Lebensmittelverarbeitung in Deutschland“ ausgearbeitet hat. Hier auch als Primärerzeuger den Schulterschluss zu suchen, um die gemeinsamen Interessen in einem sich monopolisierenden Umfeld zu schützen und als starke Gemeinschaft für die heimische Land- und Ernährungswirtschaft aufzutreten, ist nicht verkehrt. Denn ohne die Weiterverarbeitung können die meisten Verbraucher nichts mit dem anfangen, was Felder und Stall so hergeben. Und machen wir uns nichts vor: Strukturwandel ist kein Einzelschicksal! Auch wenn es jeden persönlich betrifft, ist es ein gesellschaftliches Bild. Und uns allen sollte klar sein: Landwirtschaft ist nicht alles, aber alles ist nichts ohne Landwirtschaft.