Dem einen Arbeit, dem anderen Vergnügen
Die Osterferien sind nicht nur in Deutschland der Start für die neue Saison bei Ferien auf dem Bauernhof. Wie dieser Teil der Tourismusbranche in den Niederlanden aussieht, gibt es in der Reportage ab S. 48 zu lesen und in der aktuellen Folge desLZ-Podcasts Hof & Heimat zu hören. Welche Impulse sind bedenkenswert und waskönnen wir alle mitnehmen?
Dass sie das Rad nicht neu erfunden haben, liegt nahe, wenn man die niederländischen Bauernhof-Tourismusanbieter mit den hiesigen vergleicht. Schließlich sind auch viele der Rahmenbedingungen ähnlich oder sogar gleich: Im Kontext einer von der EU grundlegend geprägten Agrarpolitik, mit zentraleuropäischem Blick auf die Chancen und Risiken eines turbulenten Weltmarkts, mit Betriebsstrukturen, die sich innerhalb der beiden Länder mehr unterscheiden als zwischen diesseits und jenseits der Grenze – wo sollen da gravierende Unterschiede herkommen?
Wenn wir nicht ganz Deutschland in die Waagschale werfen, sondern uns auf das Rheinland konzentrieren, gibt es allerdings einen entscheidenden Faktor: das Meer! Es lockt nicht nur uns Landbewohner mit einer würzigen Brise und dem Blick bis zum Horizont, sondern bietet auch Bauernhofgästen Aktivitäten, die hierzulande tatsächlich einfach nicht auf natürliche Art möglich sind. Oder kennen Sie einen rheinischen Betrieb, bei dem man an einer Seetang-Wanderung teilnehmen kann? Das bieten aber beispielsweise Ellen Schoenmakers und Guido Krijger vom Betrieb WildWier an der Oosterschelde in Zeeland. Mit ihrer Ernte versorgen sie Restaurants im ganzen Land mit der salzigen Delikatesse und die Agritouristen mit beeindruckenden Erlebnissen.
Nach diesem Konzept beteiligen auch andere Betriebsformen wie Obstanbauer, Winzer und Tierhalter in den Niederlanden und im Rheinland ihre Gäste am Leben auf dem jeweiligen Hof und stellen nicht einfach nur eine Übernachtungsmöglichkeit zur Verfügung, sondern bieten Erlebnismöglichkeiten. Ob in Weinbergen, Apfelplantagen, im Alpakastall oder Melkstand, auf dem Pferderücken oder dem Trecker: Dabei sein lassen kann auch finanziell eine interessante Möglichkeit der Diversifizierung sein.
Das ist, wenn man mal darüber nachdenkt, einer der spannendsten Punkte von Touristen auf dem landwirtschaftlichen Betrieb: Als Betriebsinhaberfamilie lebt man seinen Alltag, der für andere so faszinierend ist, dass sie sich das als Urlaub, also als Highlight auswählen. Während einem selbst das Ausmisten von Ställen wie eine Sisyphusarbeit vorkommt, können Besuchskinder es kaum erwarten, mit anzupacken.
Statt über „die Städter“ die Nase zu rümpfen, weil sie dafür sogar noch Geld bezahlen, arbeiten zu dürfen, könnte man diese Begeisterung auch einladend verstehen: als Einladung an die Gastgeber, sich mit den Augen der Gäste neu für den eigenen Beruf begeistern zu lassen. Und als Gast, hinter der ein-, maximal zweiwöchigen Auszeit den Alltag der Gastgeber zu erkunden. Schließlich ist auch klar, dass die Gäste mitmachen dürfen und nicht müssen, es für sie eine begeisternde Ausnahme ist statt ermüdender Alltag, und sie nicht die Verantwortung tragen.
Dass viele Bauernhof-Feriengäste Wiederholungstäter sind – auch hierin unterscheiden sich die Niederlande nicht von Deutschland –, spricht dafür, dass die Gastgeber einen guten Job machen.
Es spricht für sie, dass sie es schaffen, stabil neben den typischen Urlaubshotspots zu bestehen. Denn die Niederlande haben eben nicht nur pulsierende Städte und Küsten zu bieten, deren Reize nicht groß erklärt werden müssen. Die Niederlande begeistern genauso wie Deutschland auch mit einem vielseitigen Landleben, das aber noch eher als Geheimtipp oder Klassiker für Insider gesehen werden kann.
Wenn die zur Verfügung stehenden Betten allerdings regelmäßig gut gebucht sind, ist es vielleicht gar nicht so schlecht, wenn nicht plötzlich alle Ferien auf dem Bauernhof machen möchten. Wer Natur genießen, das Landleben kennenlernen und mit mehr Wertschätzung für (regional produzierte) Lebensmittel nach Hause gehen möchte, ist gern gesehener Gast. Auf Instagramtourismus können die Höfe hingegen gut verzichten. Denn wer auf der Suche nach dem perfekten Foto für Social Media zu den schönsten Flecken der Erde pilgert, bringt vielleicht etwas Geld mit, aber auch so viele Nachahmer, dass der Urlaub nicht mehr erholsam und die Hofarbeit unnötig erschwert wird. Und das, so meine These, weil die Influencer eben nicht wirklich Urlaub machen, sondern ihren Arbeitsplatz – die sozialen Medien – mit an den Urlaubsort bringen. Beim Weitersagen von besonders lohnenden Zielen der Agritouristen ist also Weisheit nötig, damit die Höfe mit diesem Betriebszweig auch in Zukunft sinnvoll wirtschaften können und die Gäste finden, was sie suchen: eine naturnahe Auszeit mit entspanntem Erlebnisfaktor.
