Freundschaft im Saisontakt – wie geht das?
Vor einigen Tagen fuhr ich an einem Bauzaun vorbei und blieb an folgendem Slogan eines Reisebüros hängen: „Arbeit kann warten. Urlaub nicht.“ Ich musste kurz schmunzeln – und dann kurz nachdenken. Denn für uns in der Landwirtschaft gilt das schlicht nicht. Die Arbeit wartet nicht, bis es uns passt. Von April bis Juni entscheidet der Hof, wann ich verfügbar bin – nicht ich.
Das wissen auch meine Freundinnen. Nicht weil sie es erahnen, sondern weil ich es ihnen sage. Aktiv, zu Beginn jeder Saison: „Ihr wisst ja, mein Zeitfenster ist jetzt begrenzt.“ Was dann passiert, ist eigentlich logisch: Das soziale Leben läuft weiter – ohne mich. Bei gutem Wetter wird spontan ein Eis essen gegangen, am Vatertag zieht man los, Verabredungen entstehen aus dem Moment heraus. Dinge, bei denen ich nicht dabei sein kann.
Zum Ende der Saison war ich mit Philipp und einer Freundin auf einem Konzert. An der Getränketheke standen plötzlich meine Mädels – und ich hatte damit überhaupt nicht gerechnet. Was dann folgte, war pure Freude – Umarmungen, Lachen, dieses herzliche „Wie schön, dass du hier bist“. Solche Momente sind ein Geschenk. Und doch blieb, ganz leise, ein kleines Ziehen. Denn fast beiläufig als selbstverständliche Erklärung fiel dieser Satz: „Wir haben dich nicht gefragt, weil wir dachten, du arbeitest eh." Gemeint war es fürsorglich. Und ich mache ihnen keinen Vorwurf – keinen einzigen. Sie haben genau das getan, was ich ihnen beigebracht habe: mich nicht einzuplanen. Und trotzdem traf es mich. Vielleicht weil man rational weiß, dass man selbst den Rahmen gesetzt hat – und sich trotzdem wünscht, dass jemand ihn ab und zu ignoriert. Dieses Gefühl, so weit aus dem Rhythmus der anderen herausgefallen zu sein, dass die eigene Abwesenheit längst selbstverständlich geworden ist.
Eine Lösung habe ich dafür nicht. Aber eine Erkenntnis: Die Verantwortung liegt bei mir – nicht nur darin, zu Beginn der Saison zu kommunizieren, wann ich nicht da bin. Sondern auch darin, ehrlich zuzugeben, dass ich Freiräume bewusst anders priorisiere. Ich setze meinen Schwerpunkt auf den Betrieb – und das ist meine Entscheidung, eine, hinter der ich stehe, aber eine, die ihren Preis hat. Und deshalb liegt es nach der Saison an mir, aktiv wieder aufzutauchen. Nicht einfach erwarten, dass alles nahtlos weitergeht, nur weil der 24. Juni in meinem Kalender steht. Meine Freundinnen haben ihren eigenen Rhythmus – und der wartet nicht automatisch auf meinen.
Kennen Sie diesen Spagat zwischen dem, was der Betrieb fordert, und dem, was Freundschaften brauchen? Ich glaube, wir sind damit nicht allein. Christina Ingenrieth-Klauth
Christina Ingenrieth-Klauth
