25.03.2026

Ein notwendiger Schritt

LZ-Chefredakteur Detlef Steinert

Landwirtinnen und Landwirte können viel einstecken. Wird es zu viel, leidet die Psyche. Jetzt wollen die Agrar­ministerinnen und Agrar­minister der Länder genauer hinschauen. Sie fordern vom Bund eine bundesweite Studie zu Selbstmorden und zur mentalen Gesundheit in der Landwirtschaft.

„Wer will denn das lesen? Wir müssen die Landwirte als Gewinner darstellen.“ – Solche Sätze bekam ich vor mehr als einem Jahrzehnt zu hören, als ich in einer anderen Redaktion einen Beitrag über Depressionen, Erschöpfung und Burnout in der Landwirtschaft durchgesetzt habe. Landwirte sind Siegertypen – das war damals ein gängiges Stereotyp. Viele hängen dem heute noch nach. Mit Verlierern hat schließlich keiner gern zu tun, heißt es dann.

Tatsächlich begegnen uns in der Landwirtschaft überall Menschen, die vordergründig Prototypen für eine Fähigkeit sind, die heutzutage allerorten als unverzichtbar angesehen wird: Resilienz – die psychische Widerstandskraft, die einen auch mal schwierige Phasen ohne dauerhafte Schäden überstehen lässt. Für Familien in der Landwirtschaft ist das durchaus Alltag – egal, wie groß oder klein der Betrieb ist. Geht es mit den Preisen nach unten, man findet schon einen Weg durchzuhalten; steht man vor einem riesigen Berg an Arbeit, man hält zusammen und packt gemeinsam an.

Schwieriger wird es, wenn da niemand anderes ist oder die Belastung zum Dauerzustand wird. Wer keine Hilfe findet oder sich holt, entkommt dem Teufelskreis nur schwer oder eben gar nicht. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Menschen in diesem Berufsfeld so erzogen sind, bloß keine Schwächen zu zeigen. Und wenn es hinter der Stirn noch so düster aussieht, können viele den Schein weiter wahren. Da fällt es anderen schon schwer zu erkennen, wer Hilfe braucht.

Wie viele Selbstmorde in Deutschland in der Landwirtschaft begangen werden und wie viele unter psychischen Erkrankungen leiden, das liegt im Dunklen. Genaue Zahlen wurden bislang nicht erhoben. Das soll sich nun ändern. Die Agrar­ministerinnen und Agrar­minister der Länder haben vor wenigen Tagen den Vertreter der Bundesregierung beauftragt, eine umfassende Studie dazu anzustellen. Bislang gibt es halt nur Anhaltspunkte und Studien aus anderen Ländern. Dabei kennt sicher jeder aus seinem Umfeld Beispiele dafür, dass für manche die emotionale und damit psychische Belastung groß ist und immer größer wird. Ins Bewusstsein der breiten Bevölkerung dürfte die Situation spätestens im Zusammenhang mit den großen Bauernprotesten zum Jahreswechsel 2024/25 gerückt sein. Natürlich ging es da auch um die Streichung des Agrar­diesels. Doch wo immer Bäuerinnen und Bauern um ein Statement gefragt wurden, machten sie ihrem Kummer Luft, dass sie von der Gesellschaft nicht gesehen und ihre Arbeit zu wenig wertgeschätzt wird. Dabei braucht jeder Mensch Lob und Anerkennung! Wird ihm die über Jahre hinweg versagt, drückt das einfach auf die Seele. Kommt hinzu, dass das Arbeitspensum immer weiter steigt, kann das auch die stärkste Eiche fällen.

Die psychische Last drückt nicht nur die Betroffenen selbst, ihr Umfeld leidet meist mit. Die engsten Angehörigen genauso wie der Freundeskreis. Und nicht nur die. Wo Tiere gehalten werden, auch der Tierbestand. Natürlich ist jeder Tierschutzskandal einer zu viel. Aber oft verraten die Schlagzeilen darüber nicht alle Hintergründe. So ist bereits in mehreren Verfahren wegen Tierschutzverstößen in der Landwirtschaft erst vor Gericht ans Licht gekommen, dass die Angeklagten nicht mehr die Kraft hatten, sich um ihr Vieh zu kümmern, weil ihnen schon die Kraft gefehlt hat, sich um sich selbst zu kümmern.

Allein in der Kenntnis darüber, wie groß ein Problem ist, steckt noch lange nicht die Lösung. Aber wer nicht um die Dimensionen weiß, wird dem Problem auch keine Relevanz beimessen und für weitere Schritte sorgen. Es braucht verlässliche Zahlen, um Hilfsangebote zu entwickeln. Die braucht es zudem, damit Betroffene erkennen, dass sie nicht allein sind. Das hilft dabei, eine Überlastung nicht als persönliches Versagen zu verstehen, sondern auch die Kraft aufzubringen, sich Hilfe zu holen und/oder von anderen zuzulassen.

Seinerzeit habe ich den Einwänden nicht nachgegeben. Heute weiß ich, mindestens ein Mensch hat gelesen, was wir ins Heft gebracht haben. Der meldete sich Jahre später und sagte mir, dass er erst durch diesen Beitrag den Mut gefunden hat, sich anderen anzuvertrauen. Erkennen mehr betroffene Menschen in der Landwirtschaft durch die Ergebnisse einer solchen Studie, dass es noch andere gibt, denen es ähnlich ergeht, ist das ein Schritt, um Selbstzweifel zu zerstreuen und Hilfsangebote von Stellen wie zum Beispiel der landwirtschaftlichen Sozialversicherung oder der Kirchen anzunehmen.