16.09.2026

Fünf Aufgaben, ein Anfang

Foto: Elena Peters

Bei meiner Mentorin sitzend, lasse ich neulich meinem Frust freien Lauf: Drei Jahre ist die Hofübernahme nun her – und manchmal habe ich das Gefühl, es hat sich eigentlich nichts verändert. Dieselben Diskussionen, dieselben Abläufe, derselbe Alltag. Sie hört mir zu, lässt mich ausreden und stellt dann zwei Fragen, die seitdem in meinem Kopf kreisen: Was läuft besser als vor einem Jahr? Und was läuft schlechter? Zwei einfache Fragen – und doch ausgerechnet die, die ein Generationswechsel selten von sich aus stellt. Im Alltag zählt, was ansteht: die nächste Saison, der nächste Anruf, die nächste Entscheidung. Für einen Rückblick bleibt kaum Raum. Dabei würde er vermutlich vielen Hofnachfolgerinnen und -nachfolgern guttun.

Bei mir zeigt die erste Frage: kleine Verschiebungen, mehr nicht. Etwas mehr Eigenverantwortung hier, ein etwas geordneterer Ablauf dort. Bei der zweiten Frage brauche ich länger – und finde am Ende nichts wirklich Großes. Natürlich hakt es mal, gerade wenn mehrere Generationen mitreden. Aber „schlechter als vor einem Jahr“ trifft es nicht. Dieser Kontrast macht mich beim Nachdenken stutzig: Warum fühlt sich ein Generationswechsel im Alltag oft nach Stillstand an, obwohl bei genauerem Hinsehen längst etwas in Bewegung ist? Vermutlich, weil wir Fortschritt an Tempo messen, statt an Richtung.

Für die abgebende Generation gilt vermutlich dasselbe, nur andersherum: Auch meine Eltern wollen den Weg mitgehen, das spüre ich in vielen kleinen Gesten. Aber ihr Alltag ist von Jahrzehnten an Erfahrung und Verantwortung geprägt, die sich nicht einfach beiseitelegen lassen, so sehr man es sich vielleicht vornimmt. Genauso wenig, wie ich meine eigene Ungeduld über Nacht ablegen kann. Beides ist menschlich, beides braucht Zeit – und mehr Nachsicht, als wir uns oft selbst zugestehen.

Am nächsten Morgen begrüßt mich das nächste Blatt meines Abreißkalenders. „Die richtige Richtung ist so viel wichtiger als die Geschwindigkeit. Viele Menschen gehen sehr schnell nirgendwohin.“ Ein Gedanke, der sich auch auf einen guten Generationswechsel übertragen lässt. Dafür hatte meine Mentorin in dieser Sitzung einen Vorschlag parat, der genau bei dieser Erfahrung ansetzt: Meine Eltern schreiben zunächst auf, welche Aufgaben in ihrem Alltag überhaupt anfallen – ohne Wertung, ohne Druck. Erst danach die eigentliche Frage: Welche fünf davon möchtet ihr als Erstes abgeben? Kein Konzept, kein Termin – nur ein kleiner Schritt, der aus dem Nachdenken direkt ins Handeln führt. Denn ein Generationswechsel gelingt selten durch einen einzigen großen Schritt. Er gelingt, wenn die Richtung über Jahre hinweg stimmt. Vielleicht lohnt es sich auch auf anderen Höfen im Übergang, sich hin und wieder diese zwei Fragen zu stellen.

Christina Ingenrieth-Klauth


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