Heile Welt?
Für die Milcherzeuger ist die Welt derzeit in Ordnung. Sie können sich über hohe Preise für ihre Milch freuen. Hinzu kommen noch außergewöhnlich hohe Preise für Kälber und Schlachtvieh. Aber trotz der guten Preissituation hält der Strukturwandel bei den Milchviehhaltern weiter an.
Die Richtung stimmt: Die Erzeugerpreise für Milch gehen nach oben. Nach dem Rekordjahr 2022 und den darauffolgenden Rückgängen im Jahr 2023 haben die Milcherzeugerpreise im vergangenen Jahr wieder zugelegt. Der Blick in den AMI-Milchpreisvergleich 2024 in dieser LZ-Ausgabe beweist es (siehe S. 67). Die Milcherzeuger zwischen Rhein und Weser erhielten im Durchschnitt 47,85 ct/kg für gentechnikfreie Milch mit 4,2 % Fett und 3,4 % Eiweiß. Das waren immerhin 2,7 ct mehr als im Vorjahr. Zwar verfehlte der Preis in NRW damit das deutschlandweite Mittel von 48,48 ct/kg, aber der Milchpreis hierzulande lag im oberen Drittel des Deutschlandvergleichs.
Der Grund für den Anstieg beim Milchpreis im Jahr 2024 ist das geringere Milchangebot. Neben den Folgen der Blauzungenkrankheit, die sich im vergangenen Jahr in Deutschland ausgebreitet hat, haben auch die sinkenden Kuhzahlen dazu beigetragen, dass insgesamt weniger Milch erzeugt wurde. Bei der Viehzählung im November 2024 wurden in Deutschland laut den Ergebnissen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) insgesamt noch knapp 3,6 Mio. Milchkühe gehalten. Dies waren 3,3 % weniger als ein Jahr zuvor und die Abnahmerate erreichte damit den höchsten Wert der vergangenen zehn Jahre.
Das geringe Rohstoffangebot spielt den Milcherzeugern weiter in die Karten. Auch die Entwicklung der Milchpreise im laufenden Jahr sieht gut aus. Zugegeben, die Milcherzeuger sind zwar mit höheren Kosten konfrontiert, aber inzwischen jagt ein Rekordpreis den anderen. Manche Molkereien sind schon nicht mehr weit von der 60-Cent-Marke bei der konventionellen Milch entfernt und für Biomilch werden sogar teilweise über 70 ct bezahlt. Das sind Traumpreise, die die Milcherzeuger noch vor wenigen Jahren nicht für möglich gehalten hätten. Aber sie sind Realität. Schon jetzt steht nach Ansicht der AMI-Experten fest, dass 2025 ein neues Rekordjahr bei den Milchpreisen werden wird.
Heile Welt Milch könnte man also meinen. Eigentlich müsste bei den aktuellen Milchpreisen auf Teufel komm raus gemolken werden. Eigentlich müssten mehr Kühe gehalten werden. Und eigentlich müsste verstärkt in die Milchviehhaltung investiert werden. Aber dem ist nicht so. Im Gegenteil: Trotz der Traumpreise hält der Strukturwandel in der Milchviehhaltung in Deutschland weiterhin an. Aktuell gibt es in NRW gut 4 400 Milcherzeuger, etwa 15 % weniger als 2020. Im Vergleich zu vor zehn Jahren ist die Zahl der Milcherzeuger sogar um 35 % gesunken. Viele Milchviehbetriebe sind in Wartestellung. Sie denken an die Hofaufgabe, nehmen aber im Moment noch die hohen Milchpreise mit.
Damit dürfte der Milchviehhaltung ein regelrechter Strukturbruch ins Haus stehen. Dabei sind es nach Angaben der Landesvereinigung Milch NRW nicht nur die kleineren Milchviehbetriebe, die das Melken aufgeben, sondern auch größere. Und das liegt nicht nur an den fehlenden Hofnachfolgern, sondern auch daran, dass die Betriebe einfach weniger Lust aufs Melken haben. Kein Wunder, denn die Milchviehhaltung ist mit viel Arbeitsbelastung verbunden und die Betriebe haben große Probleme, Arbeitskräfte zu finden. Auch die hohen bürokratischen Auflagen machen die Milcherzeuger wie alle anderen Landwirte mürbe.
Fakt ist aber, aktuell lohnt sich Milcherzeugung. Der Rohstoff Milch ist gefragt, die Produktionsstätten der Molkereien sind nicht ausgelastet und die eine oder andere Molkerei buhlt inzwischen um Mitglieder. Die Milcherzeugung rechnet sich und sie ist wichtig. Sie leistet einen wesentlichen Beitrag zur Ernährungssicherung. Die Coronapandemie und auch der Ausbruch des Ukrainekriegs haben uns gezeigt, wie wichtig die Selbstversorgung mit Lebensmitteln ist. Ein Abwandern der Milchproduktion ist zudem alles andere als sinnvoll. Denn was geschieht dann mit den Grünlandregionen? Die Milchviehhaltung trägt schließlich entscheidend zum Erhalt der Kulturlandschaft bei. Können Sie sich eine Region wie die Eifel oder das Bergische Land ohne Grünlandbewirtschaftung vorstellen? Ich jedenfalls nicht.
