Konservativ oder doch öko-sozial-feministisch?
Hauswirtschaft erscheint oft als ein Beruf, der konservativer nicht sein könnte. Ein Relikt aus Zeiten, in denen Frauen auf Haushalt reduziert waren. Dieses Image verkennt nicht nur die Potenziale für Lösungen der Probleme unserer Zeit, sondern auch die politisch-gesellschaftliche Bedeutung hinter dem Meisterrecht, das sich starke Frauen vor 100 Jahren erstritten.
Hauswirtschaft als Beruf ist zutiefst feministisch. Das ist eine Erkenntnis, die eigentlich logisch ist, aber dennoch oft übersehen wird. Der Blick in die Vergangenheit bezeugt, wie wichtig die Etablierung des Berufs für die Gleichberechtigung war. Durch die Professionalisierung der hauswirtschaftlichen Arbeit und die Anerkennung als Beruf 1915 bekamen Frauen die Möglichkeit, gleichwertig zu den männlichen Handwerksberufen einer Berufstätigkeit nachzugehen. Sie konnten eigenes Geld verdienen, sich damit ein Stück aus der Abhängigkeit lösen und deutlich machen, dass die hauswirtschaftlichen Tätigkeiten Fachwissen benötigen. Ein gelebtes Stück Feminismus, auch wenn Frauen nach Gründung der Bundesrepublik noch mal separat dafür kämpfen mussten, ein eigenes Konto zu eröffnen und ohne Erlaubnis des Ehemanns arbeiten gehen zu können.
Dass heutzutage wieder in manchen politischen Kreisen Bestrebungen brodeln, die Gleichberechtigung zurückzudrehen, erkennt man unter anderem daran, wie Hauswirtschaft und Haushaltsführung dargestellt werden. Man kann fast die Warnrufe der Frauen von 1934 hören, die damals couragiert die Reißleine zogen und die Selbstauflösung des Deutschen Hausfrauenbundes beschlossen, statt sich dem Frauenbild der Nazis unterzuordnen und unter das Dach der NS-Frauenschaft gezwungen zu werden.
Doch nicht nur in Sachen Gleichberechtigung sind die Errungenschaften der Vergangenheit in den Hintergrund getreten. Auch Fachkenntnis ist ein Aspekt, der heutzutage anscheinend von vielen aus dem Blick verloren wurde. Zu oft werden die Tätigkeiten im Haushalt bagatellisiert. Wer sich Unterstützung im Privathaushalt holt, setzt dabei leider allzu oft auf ungelernte Kräfte, die auch viel zu oft schwarz beschäftigt werden. Ob Fensterputzer, Heißmangelbetreiber, Kindersitter oder Putzhilfe – wer fragt da schon nach Abschlüssen oder Zertifikaten?
Viele denken zudem, „dass man das ja wohl auch selbst hinbekommt“, und unterschätzen das Potenzial der Profis. Elvira Werner äußert sich im aktuellen Interview ab S. 16 überzeugt davon, dass professionelle Hauswirtschaft die Lösung für vielleicht nicht alle, aber doch viele drängende Probleme unserer Zeit ist – soziale wie ökologische. Erstaunlich, scheint es doch vielen, als wären Haushaltsthemen, die nun mal der Kern dieser Profession sind, altbacken und konservativ.
Vielleicht würde es helfen, die Begrifflichkeiten zu ändern? „Home Economics“ kann man studieren – oder sich den Meistertitel als Bachelor Professional anerkennen lassen. Damit sind die Hauswirtschaften nicht nur wie die anderen Ausbildungsberufe mit den vermittelten Qualifikationen international vergleichbar, sondern es gibt dem Image einen anderen Zungenschlag. Man kann die Hauswirtschaftsprofis auf einmal in Verbindung mit dem Butler als hochbezahlter Spitzenposition im britischen Home-Economics-Karriereberuf sehen. Es ist nämlich nicht, wie mancher offenbar denkt, einfach ein Pflegehilfsberuf.
Wer Richtung Schweiz schaut und die Sicht dort auf Hauswirtschaft sieht, erkennt noch ein weiteres Argument zugunsten der Hauswirtschaft: Professionelle Kräfte verringern Fehlerfolgekosten. Das heißt, wer die richtigen Aufgabenfelder, beispielsweise in Pflegeeinrichtungen die hauswirtschaftliche Leitung, mit qualifizierten Hauswirtschaftenden besetzt, spart durch diese Investition am Ende an anderer Stelle viel Geld. Es spricht also eigentlich für (fast) keine Partei etwas dagegen, die Position der professionellen Hauswirtschaft zu stärken – wir könnten alle finanziell, sozial und ökologisch profitieren. Es wäre schön, wenn das endlich Einzug in politische Debatten finden würde. Vorschläge der Berufsverbände dazu liegen bereit. Dass dann auch noch die Ausbildungs- und Meisterschülerzahlen wieder steigen, liegt auch daran, mit welchem Bild dieser Profession wir alle durchs Leben gehen. Das vorurteilsbehaftete Image, mit dem die Branche heute leider oft konfrontiert ist, wird dem tatsächlichen Beruf Hauswirtschaft bei Weitem nicht gerecht.
