26.11.2025

Konzentrationsproblem im LEH

Foto: Daniel ­Hammelstein

Das Sondergutachten der Monopolkommission zum „Wettbewerb in der Lebensmittellieferkette“ zeigt, wie Landwirtschaft und Verbraucher unter dem Ungleichgewicht leiden

Die Schere zwischen Erzeugerpreisen und den Preisen im Supermarkt öffnet sich immer weiter. Auch wenn die Verbraucherpreise in den vergangenen Monaten in Deutschland stärker gestiegen sind als in anderen EU-Ländern, haben davon die landwirtschaftlichen Betriebe kaum profitiert. Unter anderem zu dieser Erkenntnis kommt die Monopolkommission, die am Freitag vergangener Woche ihr Sondergutachten „Wettbewerb in der Lebensmittellieferkette“ dem Wirtschafts- und dem Landwirtschaftsministerium übergeben hat. Nach den Bauernprotesten 2024 hatte sich die Monopolkommission dazu intensiv mit den Zusammenhängen in den Lieferketten am Beispiel von Produkten auseinandergesetzt, die besonders nah mit der heimischen Landwirtschaft verbunden sind.

„Wir haben uns beispielsweise angeschaut, wie sich die Preise für Milch entwickelt haben“, erklärte Tomaso Duso, Vorsitzender der Monopolkommission. „Die Spanne zwischen Verbraucher- und Erzeugerpreis hat sich verdoppelt“, verdeutlichte er. Dies sei nicht das einzige Beispiel, bei dem die Preisindexe zeigen, dass die Schere bei den Durchschnittspreisen weiter aufgeht – besonders dort, wo es mehr Konzentration gebe, können laut der Erkenntnisse der Monopolkommission hohe Preisaufschläge beobachtet werden. „Der geschwächte Wettbewerb spielt eine Rolle“, unterstrich Tomaso Duso.

Gesamte Kette betrachten

Dass der Wettbewerb geschwächt ist, liegt der Monopolkommission zufolge einerseits an der Konzentration. Durch Fusionen werden heute rund 85 % des Lebensmitteleinzelhandels von den vier großen Unternehmensgruppen Edeka, Rewe, Schwarz und Aldi kontrolliert. Andererseits breiten sich diese auch zunehmend in die Herstellerebene aus, was ihre Verhandlungsposition gegenüber ihren Lieferanten stärkt. Bei manchen Produkten träten sie auch in direkte Verhandlungen mit der Landwirtschaft. Deshalb sei es wichtig, künftige Zusammenschlüsse verstärkt da­raufhin zu prüfen, wie sie sich auf die gesamte Lieferkette auswirken.

Gesetze gegen unfaire Handelspraktiken gäbe es, Landwirte schreckten aber oft vor Meldungen und Beschwerden zurück. Nötig sei nach Ansicht der Monopolkommission eine konsequentere Durchsetzung der bestehenden Regeln, etwa durch die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung und das Bundeskartellamt.

Auch die Rahmenbedingungen für die landwirtschaftlichen Betriebe nahm das Gutachten in den Blick: Kosteneffizientere Produktion oder größere Betriebsstrukturen könnten Risiken besser abfedern, hier sei aber eine politische Entscheidung bezüglich kollidierender Zielkonflikte nötig. Landwirtschaftliche Genossenschaften sieht die Monopolkommission nicht als geeignet an, einen Konsolidierungsprozess zu ersetzen. Die Monopolkommission forderte, die Bürokratielast zu verringern und die Agrar­subventionen anzupassen. Subventionskriterien sollten sich stärker an Produktivität, Innovation und Nachhaltigkeit orientieren.

Konsequent durchsetzen

Der Deutsche Bauernverband (DBV) hat die Politik aufgefordert, die Stellung der Landwirtschaft in der Lebensmittelkette zu stärken und gleichzeitig die Wettbewerbsbedingungen für die Betriebe zu verbessern. Für richtig erachtet er die Empfehlung, den Markt vor weiterer Konzentration zu schützen.

Für entscheidend im Kampf gegen unfaire Handelspraktiken halten der DBV und auch der Deutsche Raiffeisenverband (DRV) die Stärkung der Richtlinie gegen unlautere Handelspraktiken (UTP) und des deutschen Agrar­organisationen-und-Lieferketten-Gesetzes (Agrar­OLkG) sowie eine wirksame Rechtsdurchsetzung ohne Angst vor wirtschaftlichen Sanktionen. Außerdem seien die Genossenschaften zu stärken. Vor diesem Hintergrund kritisiere der DRV seit Monaten vehement die geplanten Verschärfungen bei den Artikeln 148 und 168 der Gemeinsamen Marktorganisation durch die EU, erinnerte DRV-Geschäftsführer Dr. Christian Weseloh. Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) forderte von der Politik, ins Handeln zu kommen. Entsprechende Handlungsvorschläge lägen längst auf dem Tisch.

Der Handelsverband Deutschland und der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels bewerteten die differenzierten Analysen der komplexen Wertschöpfungsketten positiv. In Bezug auf die begleitende Kommunikation warfen die Branchenverbände der Kommission eine Dramatisierung vor. Die Verbände betonten, dass die gestiegenen Verbraucherpreise nicht zu höheren Gewinnen geführt hätten. Vielmehr seien sie eine Folge von höheren Kosten für Energie, Personal und den Wareneinkauf. Im Wettbewerb der Handelsunternehmen untereinander könne es sich keiner leisten, seine Margen auf Kosten der Kunden zu erhöhen. Die Margen des Lebensmittelhandels seien mit 1 bis 3 % gering.

ke/AgE