07.10.2026

Lebt wohl, Genossen!

LZ-Chefredakteur Detlef Steinert

Man kann das durchaus falsch verstehen – ist aber so nicht gemeint, wie man ein „Leb wohl“ gemeinhin auffasst, nämlich als Abschied. Die genossenschaftliche Idee ist vielmehr heute so modern wie nie und ein gefragtes Modell in ganz unterschiedlichen Bereichen von Gesellschaft und Wirtschaft. Denn sie kann Genossinnen und Genossen durchaus zu besseren Lebensverhältnissen und damit mehr Wohlergehen verhelfen.

Gegenwärtig und in den vergangenen Jahren gibt und gab es viele Anlässe, an Friedrich-Wilhelm Raiffeisen zu erinnern. Auch geprägt durch die ärmlichen Verhältnisse seiner Kindheit machte er sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts für die Hilfe zur Selbsthilfe stark. Kaum bekannt ist, dass den Anstoß dazu auch eine schlechte Versorgungslage mit Lebensmitteln gegeben hat – bedingt durch den monatelangen Ascheregen nach einem Vulkanausbruch im Pazifik, also einer Klimaveränderung, und dem Auftreten einer neuen Kartoffelkrankheit, der Kraut- und Knollenfäule. Soweit der geschichtliche Exkurs, der bei Gelegenheiten wie dem 125-jährigen Jubiläum der Buir-Bliesheimer Agrar­genossenschaft zurecht immer wieder bemüht wird. Denn es lassen sich über Extremwetterlagen und neue He­raus­for­de­rungen hinaus durchaus Parallelen zu heute ziehen.

Dabei gibt es eine Konstante: Nichts bleibt, wie es einmal war, und so sehen sich die Menschen, in der Landwirtschaft wie in der übrigen Gesellschaft, immer wieder anderen Pro­blemen gegenüber, die Einzelne allein kaum zu lösen imstande sind. Dabei setzen sie einen Grundsatz um, der die Genossinnen und Genossen zu den besseren Sozialisten und gleichzeitig auch zu den besseren Kapitalisten macht. Das erscheint auf den ersten Blick widersprüchlich, ist es aber nicht. Gemäß dem Grundsatz „ein Mitglied – eine Stimme“ wird über das gemeinsame Kapital höchst demokratisch entschieden, aber gleichzeitig ist der Mitgliedernutzen die Messlatte schlechthin. Anders als Aktiengesellschaften zielen Genossenschaften im Idealfall nicht auf Maximalertrag des Eigengeschäfts, sondern auf die Förderung des Geschäfts der Mitglieder. Verlässlichkeit und Nachhaltigkeit stehen im Vordergrund. Beispiele, wo Verantwortungsträger in Genossenschaften diese Prämisse vernachlässigt haben, gibt es leider einige. Statt für üppige Gewinne sorgte Überheblichkeit mancherorts für den Absturz. Die Schuld wird dann in der Regel Geschäftsführung und/oder Aufsichtsgremien in die Schuhe geschoben. Dabei trägt jede Genossin und jeder Genosse eine Mitverantwortung. Schließlich ist das Recht, mitzubestimmen, zugleich auch die Pflicht, mitzubestimmen. Anders als bei Aktiengesellschaften hat jede Einzelstimme dasselbe Gewicht wie die des anderen Anteilseigners.

Mitbestimmungsmöglichkeiten, Nutzen für die Mitglieder und ein auf Langfristigkeit angelegter Zweck passen seit über 150 Jahren sehr gut zum Werteverständnis von Landwirtinnen und Landwirten. Deswegen ist die gemeinschaftliche Selbsthilfe in Form von Genossenschaften hier eta­bliert und eher ein Erfolgs- denn ein Auslaufmodell. Schon gar nicht ist es verstaubt. Das zeigt auch der Blick in Statistiken und Unternehmensregister. So wurden laut CoopMonitor 2025 gleich 579 Neugründungen im Genossenschaftsregister eingetragen, allerdings kaum welche aus der Landwirtschaft. Laut Geno-Verband finden sich Neugründungen vor allem in den Sektoren Gesundheit, Bildung, Medien, Wohnen und Nahversorgung. In Form von Dorfläden oder Energieprojekten (zum Beispiel Windparks und Wärmenetze) finden sich wieder Anknüpfungspunkte zur Landwirtschaft.

Warum es in der Landwirtschaft kaum Neugründungen gibt, liegt sicher daran, dass die bestehenden Genossenschaften über die Jahrzehnte hinweg die He­raus­for­de­rung gemeistert haben, neue Lösungen für veränderte Bedürfnisse der Betriebe zu entwickeln, zum Beispiel durch Zusatzangebote in der Beratung, der Maschinennutzung oder der Logistik. Also generell bei Pro­blemen, denen sich nicht nur einzelne, sondern eine ganze Branche gegenübersieht. Neben der Anpassung an veränderte klimatische Bedingungen steht heute die Digitalisierung dort ganz oben, wo Hilfe zur Selbsthilfe nötig und möglich ist. Während die als sehr dynamisch geltende Digitalbranche, die von vielen Start-ups mit oft nur wenigen Mitarbeitern geprägt ist, gerade erst das genossenschaftliche Modell für sich entdeckt, ist ihr die eher bodenständige Landwirtschaft in dem Punkt weit voraus und hat schon gefestigte Strukturen. Nun müssen die Verantwortlichen an den Spitzen der Genossenschaften aber die genannten He­raus­for­de­rungen annehmen und mutig angehen, damit das Geschäft, der betriebliche Alltag und das Wohl ihrer Mitglieder weiter Nutzen davon haben.


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