Liebe zwischen zwei Betrieben
Liebe zwischen zwei Betrieben. Oder: Was bedeutet es eigentlich, füreinander da zu sein? Was bedeutet Liebe, wenn das Leben kaum Pause macht? Ich meine nicht die großen Gesten, die Filme und Bücher versprechen. Ich meine die Liebe zwischen zwei Menschen, die beide mittendrin stecken. Die beide wissen, was es heißt, wenn die Pflicht ruft. Die beide wissen, dass der Alltag keine Rücksicht auf Romantik nimmt.
Philipp und ich haben im März geheiratet. Nicht etwa, weil der März für Sonnenschein und blauen Himmel bekannt wäre – lernen wir doch ohnehin täglich, mit dem Wetter zu leben, nicht gegen es. Sondern weil er der einzige Monat blieb, der ging. Wer selbst inmitten von Saisons aufgewachsen ist, weiß: Man sucht sich keine Zeit, man nimmt die, die übrig bleibt.
Wir sind zwei sehr unterschiedliche Menschen. Philipp lädt seine Akkus mit seinen Jungs, ich mit meinen Mädels beim Glas Wein — oder auch ganz allein auf der Couch. Er geht auf Menschen zu, ich brauche meine „Me-Time“ (zu Deutsch: Zeit für mich). Zwei Temperamente, zwei Betriebe, zwei Saisons. Bewusst Zeit füreinander nehmen, findet bei uns ehrlich gesagt meist nur im Urlaub statt — zweimal im Jahr, wenn überhaupt. Und dennoch: In der Woche vor unserer Hochzeit haben wir das erste Mal gemeinsam Frühkartoffeln gepflanzt. Er am Steuer des Schleppers, ich auf der Pflanzmaschine. Kein großes Programm, kein besonderer Anlass. Und doch war es irgendwie besonders.
Im Podcast „Hotel Matze“ hörte ich ein Interview mit Dr. Gerald Hüther. Er beschrieb Liebe so: „Liebe ist das bedingungslose Interesse an der Entfaltung des Geliebten.“ Ich musste den Satz zweimal hören. Und dann ein drittes Mal. Weil er so vieles auf einmal beschreibt — und so vieles in ein anderes Licht rückt. Bedingungslos. Nicht: wenn die Saison vorbei ist. Nicht: wenn wir endlich mehr Zeit haben. Sondern jetzt. Immer. Ohne Wenn und Aber. Vielleicht ist es genau das, was ich in dieser Woche vor unserer Hochzeit gespürt habe — er am Steuer des Schleppers, ich auf der Pflanzmaschine, Frühkartoffeln in der Erde — ohne große Worte.
Interesse an der Entfaltung. Nicht daran, dass der andere so wird, wie man ihn gerne hätte. Sondern daran, dass er das wird, was er werden möchte. Und was für ein Geschenk ist das eigentlich — wenn jemand einem diesen Raum lässt? Wenn zwei Menschen sich gegenseitig wachsen lassen, kann daraus etwas entstehen, das größer ist als jeder von beiden allein.
In Momenten, wo andere Paare mehr gemeinsame Zeit haben, versuche ich mich daran zu erinnern: Wir haben beide etwas gefunden, das uns trägt. Und das darf von beiden Seiten berücksichtigt werden. Nicht als Entschuldigung, sondern als Fundament. Lassen wir den anderen wirklich wachsen? Oder halten wir ihn fest, weil es uns selbst leichter macht? Was ist das bei Ihnen?
Christina Ingenrieth-Klauth
