Nur wenig Neues
Es ist schon alles gesagt. Nur nicht von jedem. Das trifft nur zum Teil auf die Leopoldina zu, eine ehrwürdige Institution im bundesdeutschen Wissenschaftsbetrieb. Die hat sich gerade zur Vorbeuge und Therapie von Adipositas und Übergewicht gemeldet. Eine breite Diskussion über eine Zuckersteuer hat sie damit allerdings nicht neu entfacht. Sie trägt auch nichts Neues zur Debatte bei.
Vielleicht war es nur ein Grüne-Woche-Thema? Also eines, das die mediale Aufmerksamkeit nutzen soll, die Themen rund um die Ernährung genießen, wenn in Berlin die weltgrößte Ernährungsmesse über die Bühne geht. Immerhin konnte man über Jahre hinweg sicher sein, dass zu dem Zeitpunkt immer ein echter oder meist ein gemachter Skandal um die Ecke kommt, der die Land- und Ernährungswirtschaft in ein schiefes Licht rückt. Oder rücken soll. Egal wie sie heißen, fast jede kritische Nichtregierungsorganisation (NGO) hat sich schon an dieser Taktik versucht, um gegen Landwirtschaft, Lebensmittelindustrie und Politik zu schießen. Allerdings: Das Schwert wird zunehmend stumpf. Das lässt sich etwa daran messen, dass die Wir-haben-es-satt-Demo in diesem Jahr nicht einmal mehr ein Zehntel der früheren Teilnehmerzahlen mobilisiert hat.
Kaum zu glauben, dass eine Gruppe hochgebildeter Akademiker auf eine derart schwache Welle setzt, um ihre Erkenntnisse und Forderungen zu verbreiten! Tatsächlich hat der Policy Brief einer Arbeitsgruppe der Wissenschaftsgesellschaft Leopoldina nur kurz und auch nur mit einem Aspekt seinen Widerhall in den Publikumsmedien gefunden: „Leopoldina fordert Zuckersteuer.“ Leider haben die Kolleginnen und Kollegen der meisten Medien nur diesen einen Punkt aufgegriffen. Natürlich ist die Forderung nach einer Zuckersteuer populärer als komplexere Zusammenhänge zwischen zu viel Energieaufnahme und zu wenig Bewegung, aber auch schon ungezählte Male wiederholt worden.
Die Abgedroschenheit dieser Forderung wird der Leopoldina also durchaus bewusst gewesen sein. Deswegen vermute ich, dass die Fachgruppe Adipositas das Augenmerk wohl auch auf einen aktuellen Trend lenken wollte, der Menschen mit ein paar oder noch mehr Pfunden mehr bewegt: die Abnehmspritze. Damit ebenso wie mit den sechs weiteren Ansätzen, die sie zur Vorbeuge und Behandlung von Adipositas und Übergewicht anführt, hat die Leopoldina kein breites Publikum erreicht. und so blieb wieder einmal ungehört, dass hier viele individuelle Einflüsse eine Rolle spielen.
Deswegen kann es zwar einen Streit darüber geben, ob eine staatliche Lenkung mit Steuern oder Abgaben ein richtiges Instrument ist, das einzige ist es auf keinen Fall! Welche Erfolgsaussichten man erwartet, hängt dabei auch davon ab, welches Bild Kritiker und Befürworter haben: Auf der einen Seite das von mündigen Verbraucherinnen und Verbrauchern, auf der anderen Seite das von einem Staat, der meint, sie an die Hand nehmen zu müssen. Länder, die Letzteres versucht und eine Zuckersteuer eingeführt haben, haben damit aber kaum etwas bewirkt. So sind etwa in Mexiko nach der Besteuerung von zuckerhaltigen Softgetränken Konsumenten auf Fruchtsäfte, die nicht besteuert wurden, oder Milchgetränke mit hohem Zuckergehalt ausgewichen. Untersuchungen aus Dänemark zeigen, dass Menschen mit geringem Ernährungsbewusstsein und wenig Selbstkontrolle kaum mit weniger Konsum reagiert haben, nachdem dort die Steuer auf Süßgetränke eingeführt worden ist. Genau in diesen Bevölkerungsschichten häufen sich aber Adipositas und Übergewicht.
Was ist also zu tun? Nicht in der Verteufelung einzelner Lebensmittel liegt die Lösung. Ähnlich wie bei Zucker werden Verbrauchssteuern auch bei Fleisch und anderen Erzeugnissen gerne ins Feld geführt, um den Konsum der Verbraucherinnen und Verbraucher in eine gewünschte Richtung zu lenken. Dabei liegt die Lösung in bewusster und ausgewogener Ernährung sowie ausreichend Bewegung. Ich finde, dafür braucht es keine Lenkung von außen, Verbraucherinnen und Verbraucher, auch die von morgen, brauchen Wissen und Aufklärung, um als mündige Bürger selbst zu entscheiden und zu handeln. An der Ernährungskompetenz hapert es allerdings seit Jahrzehnten – und das in allen Milieus. Neu ist das nicht, ebenso wenig, dass dafür nicht die nötigen Mittel bereitstehen, um Kindern in Kindergärten und Schulen das Wissen und die Fertigkeiten für eine gesunde Ernährung zu vermitteln.

