Waschechter Niederbayer
Am 6. Mai kann Alois Rainer Jahrestag feiern. Dann bekleidet er genau seit einem Jahr das Amt des Bundesministers für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat. Zu sagen, wofür er steht und wie man ihn einordnen kann – das fällt immer noch schwer.
Als der bayerische Ministerpräsident Markus Söder vor gut einem Jahr vor die Presse getreten ist, um die CSU-Ministerinnen und -Minister der künftigen Bundesregierung vorzustellen, gab es mindestens eine Überraschung. Günther Felßner, Präsident des Bayerischen Bauernverbandes, hatte seine Bereitschaft zurückgezogen, das Amt als Agrarminister zu übernehmen, nachdem Aktivisten auf seinen Hof eingedrungen waren. So präsentierte Söder Alois Rainer, der seit 2013 Mitglied des Bundestags ist. Dem grün-veganen Özdemir folge nun der „schwarze Metzger“, so Söder wörtlich, um dem Richtungswechsel auch sprachlich den richtigen Dreh zu verpassen. Das wird Rainer seither allerdings nicht mehr los, obwohl ihm die Titulierung im Laufe der folgenden Monate sichtlich immer unangenehmer geworden ist. Aber was will man gegen die (Sprach-)Gewalt des eigenen Parteichefs schon machen?
Das führt unweigerlich zu der Frage: Wofür und für wen steht Rainer als Agrarminister? Als verlängerter Arm Söders in Berlin, der brav abarbeitet, was der Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD vorgibt? Das könnte man jedenfalls meinen, wenn man Rainers eigene Bilanz studiert (siehe Interview ab S. 15). Dort zählt er auf, was er seither abgeräumt hat und dass er den Richtungswechsel im Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) nicht nur inhaltlich, sondern auch personell vollzogen hat. Was er zudem nicht verschweigt, auch wenn es etwas verklausuliert daherkommt: Ganz weit oben steht, dass sein Haus sparen muss und wohl mehr als andere zur Haushaltskonsolidierung beitragen soll. Sicher mit ein Grund, warum zum Beispiel das Bundesprogramm zum Umbau der Tierhaltung (BUT) in der Gemeinschaftsaufgabe aufgeht oder in nachgeordneten Behörden etliche befristete Stellen auslaufen. Da kommt eben Rainers Vergangenheit als haushaltspolitischer Sprecher im Bundestag zum Vorschein.
Was ihn geprägt hat und wofür sein Herz besonders schlägt, das erfährt man, wenn Rainer ganz ohne Redemanuskript anfängt zu plaudern. So etwa vergangenes Jahr kurz vor Weihnachten bei einer Veranstaltung des NRW-Ministeriums für Landwirtschaft und Verbraucherschutz in Brüssel. Da reihte sich eine Erinnerung an seine Zeit als Bürgermeister in seinem niederbayerischen Heimatort an die nächste; da spürte man seine Verwurzelung, aber auch, dass ihm der Input der Leute wichtig ist. Wie wichtig ihm zuhören ist, das unterstreicht er selbst immer wieder. Allerdings fällt es manchen Beobachtern in manchen Situationen schon schwer, zu unterscheiden.
Ich will wirklich keine Klischees bemühen. Allerdings sind mir während meiner Studienzeit und meiner beruflichen Laufbahn auffällig viele Niederbayern begegnet, die äußerlich eine oft ungelenke Haltung vermittelten oder einen passiven Eindruck machten, aber eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe und einen Blick für kleinste Details hatten. Was sie mit den gewonnenen Erkenntnissen angefangen haben, ist wiederum ein anderes Thema. Deswegen glaube ich, dass Alois Rainer, nachdem er die Hausaufgaben aus dem Koalitionsvertrag erledigt hat, noch den einen oder anderen Wurf vorbereitet. Wobei sich über Richtung und Reichweite nur spekulieren lässt. Das legt auch ein Lied aus der Feder des Kabarettisten Hannes Ringlstetter über seine niederbayerischen Landsleute nahe. Dort heißt es: „Oba ganz einischaun kann ma do in koan.“ Wenigstens das kann man von Rainer also sicher sagen: In dem Punkt ist er ein waschechter Niederbayer.
