09.07.2025

Weniger schaffen

Foto: Elena Peters

Die Spargelsaison ist nun beendet, die Mädels und Jungs auf den Erdbeerfeldern pflücken die letzten Früchte und die Auf- und Wegräumarbeiten aller Materialien und Maschinen, die nun erst wieder im kommenden Jahr benötigt werden, haben begonnen. Hinter uns liegen 15 Wochen, in denen wir als Familie mit knapp 20 Saisonarbeitskräften und über 30 Mitarbeitern die Saison im wahrsten Sinne des Wortes gerockt haben.

Eine Saison, in der ich zum ersten Mal die längeren Fahrstrecken vom Kreis Heinsberg hatte und gleichzeitig weitere Verantwortungsfelder im Vertrieb übernommen habe. Seit über 15 Wochen klingelt daher mein Wecker um 4.20 Uhr, ist mein erster Gang auf dem Hof zu unseren Fahrern und Vorarbeitern und der zweite ins Büro, die E-Mails und Bestellungen zu checken. Seit über 15 Wochen zählt es zu meinen Aufgaben, Auslieferungen und Wochenmärkte zu organisieren, Saisonkräfte und Mitarbeiter bei Laune sowie die Spargel- und Erdbeerpreise im Blick zu halten. Und seit über 15 Wochen arbeite ich meine Abläufe ab, wundere mich abends, dass es „schon wieder so spät geworden ist“ und schaffe nur ein schnelles Abendessen und ein „auf den Stand bringen“ mit Philipp.

Heute ist der erste Tag, an dem ich länger schlafen konnte und keine wirklichen Termine und Aufgaben auf mich warten. Grund genug also, mich eigentlich einmal zurückzulehnen, das Gefühl von „Wir haben es geschafft“ zu genießen und dankbar zu sein, dass die Saison bis auf Kleinigkeiten gut verlaufen ist. Eigentlich. Denn diese Gefühle scheinen gerade in mir zu schlummern, jedoch vom Gefühl des sich-nutzlos-und-verloren-Fühlens überschattet zu werden.

Sie kennen das Gefühl vielleicht. Bildlich fühlt es sich an, als hätte man einer Hüpfburg den Stecker gezogen und die Luft rausgelassen. Es war ein Spruch meines Abreißkalenders „Ein guter Plan“, der mir ermöglichte, meine aktuelle Situation besser einordnen zu können: „Es ist okay, weniger zu schaffen, wenn du von vielem geschafft bist.“ Es ist also völlig normal, nach solch herausfordernden Wochen geschafft, ausgepowert und müde und demnach einfach weniger produktiv zu sein. Das erklärt auch, warum ich dann hier gerade im Büro sitze und nicht ganz weiß, wie ich meinen Tag ohne die bisherig genannten Strukturen füllen soll. Hingegen weiß ich auch, dass ich mich für diese Gefühle nicht verurteilen, sondern sie annehmen und akzeptieren darf. Erst dann kann sich mein Kopf wieder an die neuen, ruhigeren Abläufe gewöhnen und den schlummernden Gefühlen von Stolz und Dankbarkeit ihren Platz geben. Und ganz bestimmt finde ich dann auch wieder die Motivation, mich der To-do-Liste namens „Mache ich nach der Saison“ zu widmen.

Christina Ingenrieth