28.05.2026

Wer regiert hier wirklich?

Katrin Bremer-John

Die Rheinische Kartoffelkönigin ist eine wichtige Botschafterin für die heimische Landwirtschaft. Es ist an der Zeit, dass auch Männer mutig sind und sich für das Amt bewerben. Allein das sorgt allerdings noch nicht für mehr Gleichberechtigung. Denn entscheidend ist nicht nur, wer repräsentiert, sondern auch, wer mitentscheidet.

Zum Start der Frühkartoffelsaison übergibt Nina Naebers, Rheinische Kartoffelkönigin 2025/26, ihr Amt nächste Woche Sonntag auf der Landesgartenschau in Neuss an ihre Nachfolgerin Marina Holland (S. 52). Damit wird die 24-Jährige eine von zahlreichen Produkthoheiten, die es in ganz Deutschland gibt. Ob Weinkönigin, Milchkönigin, Spargelkönigin, Bierkönigin, Weihnachtsbaumkönigin oder eben Kartoffelkönigin – sie alle sind wichtige Botschafterinnen für die moderne Landwirtschaft.

Doch so mancher blickt kritisch auf sie. Kritiker sehen in Produkthoheiten nostalgische Folklore, die mit jungen Frauen, Krone und Schärpe veraltete Rollenbilder fortschreibt und zu wenig Diversität zulässt. Diese Kritik sollten die Verbände, die diese Ämter ausloben, ernst nehmen. Denn eine breite gesellschaftliche Akzeptanz der Produkthoheit ist essenziell, damit die Botschaft ankommt und das beworbene Produkt und seine Produzenten tatsächlich positiv wahrgenommen werden.

In den letzten Jahren hat sich erfreulicherweise etwas getan und mittlerweile gibt es auch den einen oder anderen männlichen Produktbotschafter. 2024 wurde im Ahrtal zum ersten Mal ein Weinkönig gekürt und auch in Brandenburg gibt es einen Erntekönig. Im vergangenen Jahr stand mit Levin McKenzie außerdem erstmals ein Mann im Finale der Wahl zur deutschen Weinkönigin. Das Rheinland hat bisher noch keine männliche Produkthoheit, doch was nicht ist, kann ja noch werden. Denn seit vergangenem Jahr können sich auch Männer um das Amt bewerben und Rheinischer Kartoffelkönig werden.

Ernsthafte Bewerbungen gab es bisher leider noch nicht. Die Hemmschwelle, der erste Rheinische Kartoffelkönig zu sein, ist offenbar zu hoch. Junge Männer mit Begeisterung für die Kartoffel gibt es im Rheinland bestimmt genug, doch ihnen scheint der Mut zu fehlen, das auch öffentlich zu repräsentieren. Mit Sicherheit könnten sie sich eher für das Amt begeistern, wenn es bereits einen Rheinischen Kartoffelkönig geben würde, der als Vorbild dient. Warum also nicht jetzt Vorbild für die nächste Generation werden? Vielleicht traut sich im nächsten Jahr endlich ein Mann, das Amt zu übernehmen. Ernst gemeinte Bewerbungen können gerne schon jetzt an den Rheinischen Landwirtschafts-Verband gerichtet werden.

Die bisherigen Kartoffelköniginnen haben durch ihr Wirken ein wichtiges Ehrenamt geleistet, weil sie der Landwirtschaft ein Gesicht geben und eine Brücke zwischen Verbrauchern und Landwirten bauen. Doch nicht nur die Branche, sondern auch sie selbst konnten davon profitieren, weil sie wertvolle Kontakte knüpfen und sich persönlich weiterentwickeln konnten. Diese Chance lassen sich die jungen Männer entgehen, wenn sie sich nicht bewerben.

Vielleicht fehlt der Anreiz aber auch deshalb, weil Männer in den entscheidenden Gremien ohnehin meist in der Überzahl sind. Auch wenn ein Wandel erkennbar ist, übernehmen Frauen weiterhin vor allem repräsentative Ämter wie das der Kartoffelkönigin, während Positionen mit Entscheidungsgewalt häufiger von Männern besetzt sind. Dabei sollte eine Königin auch regieren dürfen! Nicht in Form einer absoluten Monarchie, aber Frauen sollten mitentscheiden. Deshalb braucht es mehr Frauen in Ämtern der landwirtschaftlichen Interessenvertretung und nicht nur als Kartoffelkönigin. Das betonte kürzlich auch die Vizepräsidentin des Deutschen Bauernverbandes (DBV), Susanne Schulze Bockeloh, in einem Interview mit dem Pressedienst Agra-Europe (AgE). Sie sagte, es sei wichtig, dass Frauen mit am Tisch sitzen, wenn über Frauen in der Landwirtschaft und über die Landwirtschaft insgesamt gesprochen wird.

Vielleicht braucht es tatsächlich bald den ersten Rheinischen Kartoffelkönig, um zu zeigen, dass Produkthoheiten kein starres Rollenbild mehr bedienen müssen. Entscheidend ist aber, dass Modernisierung nicht an der Oberfläche endet. Denn die Zukunft der Landwirtschaft braucht beides: sichtbare Botschafterinnen und Botschafter sowie Frauen, die mitentscheiden.