Beispielhafte Inklusion
In der ARD ist vergangene Woche ein neues Format gestartet: Bei „Ein Blinder, ein Lahmer, ein Tauber“ geben sich die drei Comedians Timur Turga, Tan Caglar und Okan Seese mit ihren jeweiligen Behinderungen Arbeitsplätze als Herausforderung – angefangen mit einem Bauernhof. Das ist nicht nur unterhaltsam, sondern kann Mut machen, bei der Personalsuche noch mehr in diese Richtung zu denken.
Timur Turga ist fast blind, Tan Caglar sitzt im Rollstuhl, Okan Seese ist taub. Gemeinsam wollen sie herausfinden, wer im Alltag die härtesten Barrieren überwinden muss. Es geht also explizit darum, an seine körperlichen Grenzen zu kommen, und nicht den Job zu finden, der am besten zu den eigenen Fähigkeiten oder Einschränkungen passt. So trat Timur in einer Autoreinigung seinen Arbeitstag an, Tan musste auf einem Bauernhof anpacken und Okan im Service in einem vollen Restaurant bestehen.
Die Sendung zeigt dabei: Mit den richtigen Anleitern kann man auch die Aufgaben schaffen, die unmöglich scheinen, Handicaps müssen kein Hindernis bleiben und Inklusion ist auch an Positionen möglich, an die man nicht denkt. Nicht nur die drei Protagonisten sollten die Chance bekommen, trotz Beeinträchtigung mitzuarbeiten – gerade auch in der Landwirtschaft. Darin liegt nämlich auch für die Betriebe eine große Chance: Solche Mitarbeitenden sind oft besonders motiviert und haben in ihrem Leben gelernt, sich durchzukämpfen und in neue Situationen reinzufuchsen. Gerade in einer Zeit, in der auch viele Betriebe hier im Rheinland Not haben, Personal zu finden, sollte dieser Weg mitgedacht und im besten Fall ausprobiert werden.
Das ist wichtig, denn hierzulande bedeutet eine körperliche Einschränkung leider für viele Betroffene, dass sie auf dem sogenannten ersten Arbeitsmarkt nicht willkommen sind. Weil es sich mancher Arbeitgeber nicht zutraut, sich für manchen Betroffenen die geschützte Umgebung einer Behindertenwerkstatt sicherer anfühlt oder sich an vielen kleinen Stellen zeigt, dass unsere Gesellschaft nicht ausreichend auf Barrierefreiheit ausgerichtet ist. Wer die Sendung mit dieser Brille schaut, bekommt unaufgeregt dokumentiert, wie breit und oft unnötig die Barrieren sind.
Und so unaufgeregt, wie die Behinderungen thematisiert werden, so kommen auch die erprobten Berufe vor. Wie schön, dass nicht extra erklärt wird, dass es eine junge Landwirtin auf dem Trecker ist, die den Rollifahrer bis zum Hof „in Schlepp“ nimmt. Wie wohltuend, dass ganz selbstverständlich ist, dass die Rinder für das Fleisch gehalten werden. „Schon mal einen Rollstuhlfahrer gesehen? Oder einen Türken?“ fragt Tan die Rinder beim Umzug auf die neue Weide und ergänzt augenzwinkernd: „Wärt ihr Schweine, müsstet ihr keine Angst vor mir haben.“
Dass ihn die Arbeit körperlich auspowert, wird deutlich. Und als Rollstuhlfahrer auf dem unebenen Boden eine Schubkarre voll Heu zu transportieren, ist zugegebenermaßen nicht leicht. An mehreren Stellen helfen die pragmatischen Tipps von Landwirtin Lydia, wie er sich die Arbeit vom immerhin dank der dickeren Reifen geländegängigen Rollstuhl aus leichter machen kann. Damit beweist sie eine der Grundeinstellungen auf Bauernhöfen: Wir finden irgendwie einen Weg. „Seitdem ich angekommen bin, ist nichts wirklich möglich, aber wir machen es trotzdem“, erklärt Tan und rollt dann mit der Weidezaunhaspel los, die er zwar nicht mit der Hand, aber angehängt an den Rolli bedienen kann. Gerade wegen dieser Einstellung, die viele Landwirtinnen und Landwirte auszeichnet, ist dieses Berufsumfeld bestens inklusionsgeeignet. Dazu kommt die Möglichkeit, Menschen mit Beeinträchtigungen zu Landwirtschaftsfachwerkenden auszubilden. Was genau Ihr Betrieb dafür braucht, erklärt die Landwirtschaftskammer auf ihrer Website unter der Rubrik Berufsbildung – Landwirt/in – Ausbildung von Menschen mit Behinderung.
Tan wird vermutlich nicht Landwirt werden, auch wenn er es am Ende sogar bis zum Treckerfahren geschafft hat. Er hat aber, ohne dass es offensichtlich die Intention eines der Beteiligten war, dem Image des Berufs mit seiner lockeren, anpackenden Art gutgetan – und vielleicht finden dadurch motiviert ja auch noch einige Schulabsolventen in den Grünen Berufen für das kommende Ausbildungsjahr einen Betrieb, der mit ihrer Behinderung gut umgehen kann. Denn wie viel mehr möglich ist, als man beispielsweise der Landwirtschaft als Arbeitsumfeld zutraut, haben Lydia und Tan dankenswerterweise eindrücklich gezeigt. Und dass das nicht nur in einem solchen Fernsehformat geht, zeigen die Beispiele derjenigen, die trotz Handicap voll im Landwirtschaftsjob stehen. Sie sichtbarer zu machen, wäre hilfreich – für die Landwirtschaft als solche und für die Betroffenen auf allen Seiten als Mutmacher, es zumindest mal zu probieren. Mehr Aufmerksamkeit für die Vereinbarkeit von Behinderung und Landwirtschaftsberuf bringt allerdings dann wohl aber doch eine mediale Aufbereitung wie diese. Das Video dazu ist übrigens noch bis zum 3. August 2029 in der ARD-Mediathek abrufbar. Reinschauen lohnt sich – Inklusion selbst zu leben aber noch viel mehr!
