11.03.2026

Dem Wahnsinn den Schrecken nehmen

LZ-Chefredakteur Detlef Steinert

Es gibt wenige Themen, über die Milchvieh- oder Schweinehalter genauso leidenschaftlich diskutieren und lamentieren können wie Ackerbauern oder Obst- und ­Gemüsebaubetriebe: das Zertifizierungswesen. Für manche auch ein Unwesen.

Zwei Aussagen haben mich auf der Mitgliederversammlung der Rheinischen Erzeugergemeinschaft Kartoffeln (REKA) besonders hellhörig gemacht. Die eine: „Ein Produkt, das nur dem Gesetz entspricht, können wir schon lange nicht mehr vermarkten.“ Die andere: „Wenn Kartoffeln knapp sind, ist es egal, woher sie kommen; wenn es dagegen zu viel gibt, dann zählt jedes einzelne Kriterium.“ Diese Aussagen sind nichts anderes als die zwei Seiten ein- und derselben Medaille: dem Zertifizierungswesen, das mittlerweile in jeden Betriebszweig der Landwirtschaft eingreift. Ginge es dabei nur um ein Produkt oder ein Kriterium, kämen die meisten Betriebe wohl gut damit zurecht.

Die Realität auf den Höfen ist eine andere. Da geht es heute nicht nur um Haltungsformen, da geht es genauso um Gentechnikfreiheit, um Sozialstandards, um den CO2-Fußabdruck, um den Verzicht auf bestimmte Pflanzenschutzmittel oder um das Wassermanagement. Was morgen dazukommt, da ist vieles denkbar – aber nicht unbedingt wünschenswert für die Betroffenen. Denn nicht nur die Vielzahl der Anforderungen macht ihnen das Leben schwer. Auch, dass ein und dieselbe Anforderung, wie zum Beispiel der CO2-Fußabdruck, auf unterschiedliche Weise erhoben wird und so bei dem gleichen Produkt zu unterschiedlichen Ergebnissen führen kann, ist nur schwer nachvollziehbar – aber aus dem Milchsektor durchaus bereits bekannt. Neben dem Mangel an branchenweit einheitlichen Standards ist das zweite Problem, dass die Betriebe in der Regel nicht nur einen Produktionszweig haben, sondern mehrere und somit gegebenenfalls mit mehreren Zertifizierungssystemen und Zertifizierungsstellen zu tun haben. Das zieht unnötig Aufwand und Mehrkosten nach sich.

Ich will Zertifizierungen nicht verteufeln. Sie sind wichtig als Beleg dafür, dass sorgsam gewirtschaftet wird – egal, welchen Maßstab man dafür anlegt: die Vermeidung von Klimagasen genauso wie den Verzicht auf Sojaschrot aus gentechnisch veränderten Sorten. Zertifizierungen dürfen aber nicht übers Ziel hinausschießen und sie dürfen schon gar nicht der Lust und der Laune des Lebensmittelhandels unterliegen. Den Eindruck haben allerdings viele landwirtschaftlichen Betriebe und stellen deswegen den Nutzen für sich durchaus infrage. Manche halten es sogar für einen Wahnsinn, welchen Anforderungen sie sich gegenübersehen. Um dem den Schrecken zu nehmen, ist Folgendes nötig:

Offensichtlich unsinnige Verpflichtungen haben nichts in Pflichtenheften zu suchen. Dazu gehört unter anderem alles, was hierzulande bereits per Gesetz geregelt ist, etwa die Einhaltung arbeitsrechtlicher Vorgaben. Hoheitliche Aspekte sind allein Sache des Staats.

Es gibt durchaus besondere Vorgaben, für die Verbraucherinnen und Verbraucher bereit sind, mehr zu zahlen. Für deren Einhaltung sind vom Ursprung des Produkts bis zur Ladentheke alle Stufen abhängig von dem Mehraufwand, den sie dafür auf sich nehmen müssen, an den Mehrerlösen zu beteiligen.

Schließlich: Das Rad muss nicht ständig von jedem neu erfunden werden. Wo in verschiedenen Produktzweigen von den Erzeugern gleiche oder ähnliche Kriterien gefordert werden, müssen die einheitlich und nach gleichen Maßstäben definiert und abgeprüft werden. Parallelstrukturen kosten nur zusätzlich und bringen keinen zusätzlichen Nutzwert.

Aber auch die eigene Branche und ihre Interessenvertretungen – egal in welchem Produktbereich – müssen aktiv werden. Das eine, was zu tun ist: Marschiert nicht alleine, bündelt eure Kräfte – gerne mit Partnern in der Kette. Das Zweite: Mischt mit, statt zu blockieren; denn manche Zertifizierungen helfen durchaus hervorzuheben, wo die heimische Land- und Ernährungswirtschaft Importen von irgendwoher um Meilen voraus ist, und helfen so, ihr Marktvorteile zu sichern.