04.03.2026

Die Zeit ist reif!

Brigitte Wenzel

Die Geflügelpest ist gekommen, um zu bleiben. Jahr für Jahr sind verendete Wildtiere und Nottötungen von Geflügelbeständen die Folge. Eine Impfung könnte zumindest gehaltenes Geflügel vor diesem Schicksal wirksam schützen.

Vor genau 20 Jahren wurde H5N1 erstmals in Deutschland bei Schwänen nachgewiesen. Seitdem sterben immer wieder Wildvögel an der Vogelgrippe, alle paar Jahre auch in größerem Ausmaß. Mittlerweile ist das Virus ganzjährig in unserer Umwelt. Mit den Zugvögeln kommen aber regelmäßig neue Genotypen der aviären Influenzaviren und gefährden auch durch viruslastigen Kot andere Vögel und Geflügel.

Die Tierhaltenden, egal ob Züchterin, Zoobetreiber, Hobbyhalterin oder Landwirt, fürchten eine Infektion ihrer Bestände und werden stetig zur Einhaltung und Überprüfung ihrer Biosicherheitsmaßnahmen aufgerufen. Sie tragen Verantwortung dafür, dass sich die Viren nicht auch noch in Hausbeständen ausbreiten. Wenn sie trotzdem den Weg dorthin gefunden haben, werden die schwer erkrankten Tiere „vorsorglich“ getötet – was sich anhört, als hätten sie es überleben können. Das hoch ansteckende aviäre Influenzavirus (HPAIV) führt aber fast unausweichlich zum Tod. Deshalb soll nach einem erkannten Ausbruch das Leid so schnell wie möglich beendet werden.

Heute stehen wir am Ende eines Winters, in dem wir Rekordverluste durch H5N1 verzeichnen. Allein in Niedersachsen sind fast zwei Mio. Puten, Hühner, Enten und Gänse daran verendet oder mussten notgetötet werden. In ganz Deutschland werden es schon mehr als drei Mio. Geflügeltiere sein, die der Seuche seit letztem Oktober zum Opfer fielen – Ausbrüche bei Wildvögeln noch nicht mitgezählt und die Hochrisikophase ist noch nicht zu Ende. Die wirtschaftlichen Schäden und nicht enden wollende Belastung für alle Beteiligten waren Anlass genug, dass sich viele auf Einladung des LAVE und des BbT zum Geflügelpestsymposium auf den Weg nach Essen machten (siehe Seite 11). Tierärztinnen und Tierärzte aus Forschung und Praxis, von Behörden, Zoos und Firmen sowie Vertreter der Verbände informierten sich über die Möglichkeiten der Impfung und tauschten sich dazu aus. Im Gegensatz zur Afrikanischen Schweinepest gibt es gegen die HPAI nämlich zugelassene Impfstoffe, die zum Teil bereits in der EU im kleinen Rahmen angewendet werden: in Frankreich bei Enten, in den Niederlanden bei Legehennen und die Italiener starten bald bei Puten damit. Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) testet Impfstoffe bei Gänsen. Weltweit wird mittlerweile über die Vogelgrippe-Impfung diskutiert!

Auch Tierhalter in NRW wollen nicht länger fast wehrlos der Tierseuche ausgeliefert sein. Denn auch sie haben eine halbe Million Tiere seit Oktober verloren. Besonders betroffen neben dem Kreis Gütersloh ist der Kreis Kleve. Dort hat sich aufgrund sandiger Böden eine starke Tierhaltung entwickelt. Die Bauernfamilien erwirtschaften auf wenig ertragreichen Böden mit Tieren ein Einkommen. Fast die Hälfte der Puten in Nordrhein-Westfalen wird hier gehalten. Der Kreis wurde durch zahlreiche Wasserflächen und insgesamt über 12 000 ha Naturschutzgebiete zu einem beliebten Lebensraum vieler Wasservögel. Das bedeutet ganzjährig verschiedenste Wildgänse und ab Herbst bis Frühjahr auch noch rastende Zugvögel. Ein Spektakel, das gerade in der Jahreszeit, wo die Natur sonst stillsteht, viele Menschen anzieht. Nicht nur Landwirte empfinden die Schwärme von Vögeln teilweise aber auch als eine Belastung in der Region. Und nicht nur die Landwirtschaft will mehr Schutz für ihre Tiere gegen HPAI.

Sie sehen wenig Erfolg bei dem monatelangen Versuch, die Geflügelpest nur mit Abschirmung vor Wildvögeln, Kleiderwechsel und aufwendiger Gerätedesinfektion aus den Tierbeständen fernzuhalten. Die alleinige Bekämpfung der Seuche durch Töten erkrankter Tiere macht sie mürbe. Sie wollen das weder den Tieren antun, noch wollen sie es sich selbst oder den nach einem Ausbruch beteiligten Menschen zumuten, so weiterzumachen. Tierärzte bestätigen, dass es sich oft um vorbildlich geführte Betriebe handelt, die sie wegen der tödlichen Infektion räumen müssen.

Das Symposium hat aber gezeigt, dass wir nicht hilflos sind, sondern nur hilflos verstrickt in den teilweise 100 Jahre alten Denk- und Handlungsweisen. Doch die Zeit ist reif. Das wurde beim Symposium deutlich. Wir müssen jetzt zeigen, dass wir uns schneller anpassen können. Die EU-Kommission setzt seit Jahren mehr auf Prävention. Impfstoffe werden im neuen europäischen Tiergesundheitsrecht ausdrücklich als Instrumente im Kampf gegen Tierseuchen genannt, auch um die „One-Health-Strategy“ (Strategie der einen Gesundheit von Mensch und Tier) besser verfolgen zu können. Eine Präventivimpfung zieht aber nach derzeitigem Recht noch eine aufwendige Überwachung der geimpften Tiere nach sich. Diese Hürde muss abgebaut, angemessen angepasst werden. Wenn die Influenza uns nun nicht dazu bringt, etwas grundsätzlich anders zu machen, dann wird es wohl keine Seuche schaffen.