Gut genug – ohne grünen Daumen
Es war eine dieser Situationen, in denen man sich plötzlich sehr klein fühlt: Der Prüfer der QS-Zertifizierung saß mir gegenüber, Checkliste in der Hand. Während er seine Fragen stellte, lief in meinem Kopf ein ganz anderer Film: Was mache ich, wenn er etwas fragt, das ich nicht beantworten kann? Merkt er, dass hier eigentlich Papa und Philipp die Antworten kennen – und nicht ich? Keine Panik nach außen. Aber innen dieser vertraute Zweifel: Du hast keine landwirtschaftliche Ausbildung. Was machst du hier eigentlich? Dabei führe ich diesen Betrieb. Ich vermarkte unsere Produkte, treffe täglich Entscheidungen. Und trotzdem hält sich dieser Glaubenssatz fest wie Unkraut zwischen den Spargelreihen: Ohne fundiertes Agrarwissen bin ich letztlich abhängig.
Anne Dirksen von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen hat dieses Gefühl in Worte gefasst, die mich sofort getroffen haben. Viele Hofnachfolgerinnen tragen einen unsichtbaren Anspruch: „Wenn ich das hier mache, muss ich supergut sein und darf keine Fehler machen.“ Auch wer auf einem Hof aufgewachsen ist, aber seinen Weg über Bankschalter und Hörsäle gegangen ist, steht unter diesem Beweisdruck. Als müsste man sich die eigene Zugehörigkeit erst noch verdienen. Vor anderen, aber vor allem vor sich selbst. Ich kenne das, Sie vielleicht auch.
Dabei übersehe ich allzu gerne eine Tatsache: Unser Vorarbeiter weiß, wann der Spargel gestochen wird. Ich weiß, wie er zum Kunden kommt, was er kosten muss und wie wir ihn vermarkten. Keiner könnte den anderen ersetzen. Der eine kennt den Boden, die andere kennt den Markt – erst zusammen ergibt das einen Betrieb. Und wenn ich ehrlich bin: Ohne mich würde hier einiges nicht funktionieren – das darf ich öfter laut denken.
Jeder Boden trägt andere Früchte. Meine Stärken liegen woanders. Und das ist keine Schwäche – das ist mein Beitrag. Ich darf lernen zu akzeptieren, dass Kompetenz viele Gesichter hat. Ich muss keine gelernte Landwirtin sein, um diese Aufgabe gut zu machen. Ich darf Fehler machen, nachfragen, dazulernen. Das ist kein Zeichen von Abhängigkeit – das ist Zusammenarbeit. Dieser Glaubenssatz sitzt noch tief. Aber mit jedem Jahr wird er leiser. Mit jeder QS-Prüfung lerne ich dazu – fachlich, aber vor allem über mich selbst. Wachstum braucht seine Zeit – das ist auf diesem Hof keine Theorie, sondern gelebte Realität.
Ob Frau, ob Mann, ob Quereinsteiger oder Hofkind mit Umweg – wir alle gehören hierher. Denn ja – die Letztentscheidung liegt bei mir. Aber den Weg zu den Entscheidungen gehe ich nicht alleine – ich gehe ihn mit den Menschen, die neben mir stehen. Niemand erntet alleine. Niemand sät alleine. Und niemand führt wirklich alleine.
Christina Ingenrieth-Klauth
