21.01.2026

Noch ein weiter Weg

Katrin Bremer-John

Die Vereinten Nationen (UN) haben 2026 zum Internationalen Jahr der Landwirtin ausgerufen. Ein Anlass, genauer hinzuschauen, warum Frauen in der Landwirtschaft unverzichtbar sind, ihre Leistungen und ihr Potenzial jedoch noch immer zu selten anerkannt werden.

Frauen sind aus der landwirtschaftlichen Branche nicht wegzudenken. Trotzdem werden ihre Leistungen oft nicht gesehen und strukturelle Hürden verhindern häufig die volle Entfaltung ihres Potenzials. Um die Hintergründe zu verstehen, lohnt sich zunächst ein Blick auf Zahlen und Fakten: Laut dem Bundes­informations­­zen­trum Landwirtschaft (BZL) waren 2023 in Deutschland etwa 35 % der Beschäftigten in der Landwirtschaft Frauen. Im Verhältnis dazu ist der Anteil an weiblichen Führungskräften sehr viel geringer. Denn nur 11 % der landwirtschaftlichen Betriebe werden von Frauen geführt. Damit zählt Deutschland im EU-Vergleich zu den Schlusslichtern. Im EU-Durchschnitt sind laut Eurostat nämlich 32 % Frauen in landwirtschaftlichen Führungspositionen tätig. Die meisten Betriebsleiterinnen gibt es in Lettland und Litauen mit jeweils 45 %. Dass es in Deutschland so viel weniger sind, liegt mit Sicherheit nicht an mangelnder Kompetenz, wie die Studierendenzahlen zeigen. Im Wintersemester 2024/25 lag der Anteil der Studentinnen im gesamten Agrar­bereich bei 61 %.

Die Gründe für den geringen Frauenanteil in der Betriebsleitung sind vielfältig. Alte Rollenbilder, nach denen die Hofnachfolge dem Sohn gebührt, halten sich in einigen Familien hartnäckig. Umso erfreulicher ist es, dass in den letzten Jahren durchaus ein Umdenken stattgefunden hat. Das haben auch die Landwirtinnen und Landwirte beobachtet, mit denen wir über das UN-Jahr gesprochen haben (ab S. 19).

Ein weiterer großer Punkt ist die Vereinbarkeit von Familie und Betriebsleitung, die sich nach wie vor schwierig gestaltet. Es mangelt an ausreichenden Betreuungsplätzen für Kinder. Zudem erschweren auf dem Land häufig lange Fahrtwege zu Kita oder Schule den Alltag. Für selbstständige Landwirtinnen gibt es nach wie vor keinen Mutterschutz. Dabei brauchen sie finanzielle Unterstützung während der Schwangerschaft und der Zeit des Mutterschutzes, um den Ausfall ihrer Arbeitskraft zumindest zum Teil betrieblich abfedern zu können. Denn Kinder sind kein privates Vergnügen, sondern entscheidend für die Zukunft landwirtschaftlicher Familienbetriebe.

Außerdem ist Gesundheit elementare Vo­raus­setz­ung dafür, dass Frauen dauerhaft gute Arbeit auf den Betrieben leisten können. Leider sind sie in der medizinischen Forschung bisher stets vernachlässigt worden. Umso erfreulicher ist es, dass Forschungsministerin Bär vor wenigen Tagen in der Süddeutschen Zeitung Fördermittel zur Erforschung der Frauengesundheit ankündigte. Hier sind außerdem Bildung und Aufklärung nötig, denn viele wissen zum Beispiel nicht, dass Frauen bei einem Herzinfarkt andere Symptome zeigen als Männer. Mehr dazu können Sie ab S. 66 lesen, auf der unsere Serie zum Thema Frauengesundheit startet.

Weitere Handlungsfelder, um die Gleichstellung von Frauen in der Landwirtschaft zu stärken, hat am Montag eine Verbändeallianz aus der Agrar­branche in Form eines Positionspapiers veröffentlicht. Daran beteiligt sind unter anderem der Deutsche Bauernverband (DBV), der Deutsche LandFrauenverband (dlv) und die Landwirtschaftliche Rentenbank. Im Rahmen der Grünen Woche in Berlin griffen viele weitere Akteure das Thema ebenfalls auf und unterstützten damit das Ziel des UN-Jahres, mehr Sichtbarkeit für Frauen zu schaffen. Ganz vorne mit dabei sind hier natürlich die Landfrauen. Deren BäuerinnenForum stand unter dem Motto: „Impulse.Erfahrungen.Per­spektiven. Was Frau in der Landwirtschaft bewegt“ (S. 55).

Wenn es da­rum geht, den Lippenbekenntnissen auf der Grünen Woche auch Handlungsvorschläge und Taten folgen zu lassen, lohnt es sich, auf die Landfrauen zu hören. Jutta Kuhles, Präsidentin des Rheinischen LandFrauenverbandes, betonte zum Beispiel in ihrem Statement auf S. 20, dass die finanzielle Absicherung von Frauen in der Landwirtschaft eine Schwachstelle ist.

RLV-Präsident Erich Gussen sagte in seinem Statement auf S. 20, dass er sich freuen würde, wenn mehr Frauen im Bauernverband aktiv werden. Um ihren Bedürfnissen direkt Ausdruck zu verleihen, ist es generell wünschenswert, dass Frauen eine stärkere Stimme in agrarpolitischen Prozessen und Gremien erhalten. Doch viele trauen sich nicht, weil sie sich vor Anfeindungen fürchten. Viele Politikerinnen werden regelmäßig Opfer von sexualisierten Beleidigungen, Drohungen und Hasskommentaren.

Es ist die Aufgabe von uns allen, Frauen Stolpersteine aus dem Weg zu räumen, damit sie ihr volles Potenzial entfalten können – seien es veraltete Rollenbilder, fehlende Unterstützung bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, medizinische Benachteiligung, mangelnde finanzielle Absicherung oder eine politische Kultur, die Frauen zu oft abschreckt statt einbindet. Männer stehen dabei in besonderer Verantwortung, weil sie vielerorts noch immer Strukturen prägen und Entscheidungen treffen. Der Weg zu echter Gleichberechtigung von Frauen in Gesellschaft und Landwirtschaft ist noch lang. Um die Branche zukunftsfähig voranzubringen, sollten wir ihn entschlossen und mit deutlich größeren Schritten gehen.