Offenheit für das Thema wächst
Über Fragen der psychischen Gesundheit wird in der Landwirtschaft inzwischen offener gesprochen. Und auch bei den Hilfestellungen wird heute „offensiv“ vorgegangen, etwa durch die Landwirtschaftliche Sozialversicherung (SVLFG). Diese Bewertung hat der Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Familie und Betrieb, Hartmut Schneider, jetzt in einem Interview mit AGRA Europe abgegeben.
Es wachse das Bewusstsein, dass die seelische Gesundheit zur Grundausstattung einer zukunftsfähigen Landwirtschaft gehöre, erklärte Schneider. Niedrigschwellige Beratungsangebote, verlässliche Netzwerke und professionelle Kooperationen böten hier tragende Perspektiven. Und auch neue Impulse in der landwirtschaftlichen Ausbildung, die das Thema bereits frühzeitig für junge Menschen greifbar machten, könnten als präventiver Ansatz gute Dienste leisten. Damit diese Strukturen nachhaltig wirken könnten, sei aber eine solide finanzielle Basis nötig.
Wie Schneider berichtete, prägen Burnout und suizidale Krisen die Tätigkeit der landwirtschaftlichen Familienberatung immer deutlicher. Betroffene fänden sich dabei in jeder Lebensphase und in jeder Betriebsform. Sie litten beispielsweise unter tiefer Müdigkeit und einem inneren Ausgebrannt-Sein. Das Gefühl, sein Leben und Arbeiten selbst beeinflussen zu können, nehme ab. Gleichzeitig bleibe die innere Verpflichtung, allem gerecht werden zu müssen: den Tieren, dem Hof, der Tradition, der Familie, den Vorfahren und der nächsten Generation. Politische Entscheidungen wirkten in dieser Situation wie ein Verstärker: Sie erhöhten das ohnehin vorhandene Belastungsniveau und „verdichteten das Gefühl, ständig nachjustieren zu müssen, ohne an der Situation etwas verändern zu können“.
Als wichtigste Ressource in herausfordernden Lebenslagen sieht Schneider vertrauensvolle Beziehungen im privaten Umfeld. Zudem stärke eine wertschätzende gesellschaftliche Haltung gegenüber der Landwirtschaft die Resilienz. Die Landwirtschaftliche Familienberatung wolle die Familien in ihrer Selbstorganisation stärken, ohne ihnen vorgefertigte Lösungen zu präsentieren. Sie gebe Raum für Kommunikation, begleite Veränderungsprozesse, mache Beziehungsmuster sichtbar und fördere neue Perspektiven.
AgE
Beratungsangebot in NRW: https://landwirtschaftliche-familienberatung.de/einrichtungen/ihre-region/nordrhein-westfalen

