03.06.2026

Pflichtbewusstsein

Foto: Elena Peters

„Sie sind wahnsinnig pflichtbewusst.“ Meine Mentorin sagte das kürzlich zu mir. Ruhig. Fast schon beiläufig. Und doch traf mich dieser Satz — weil er in vier Worten beschrieb, was mich innerlich schon so lange beschäftigt.

Ich habe den Betrieb übernommen, damit meine Eltern weniger machen. So war der Plan. Und die Realität? Wir sind drei Menschen, die in dieser Saison regelmäßig über sich hinausgehen. Mama. Papa. Ich. Und Philipp — der nebenbei seinen eigenen Betrieb stemmt und einfach mitzieht. Jeder weiß eigentlich, wo seine Grenze liegt — und trotzdem überschreiten wir sie. Immer wieder. Weil es die Saison so will. Weil der Betrieb es braucht. Weil man sich gegenseitig nicht im Stich lässt. Ich stelle meinen Wecker auf 4.40 Uhr, um rechtzeitig am Hof zu sein und noch kurz mit unseren Fahrern zu reden. Das ist meine Entscheidung, nicht die meiner Eltern. Philipp versteht das nicht immer. Aber ich frage ihn auch nicht, wa­rum der Weizen manchmal erst um zwei Uhr nachts geerntet ist.

Und dann steht Papa da und fargt: „Warum bist du denn schon wieder so früh hier?“ Oder am Abend: „Jetzt macht doch auch mal Schluss“ — nicht als Vorwurf, das weiß ich. Eher als das, was es ist: ein Vater, der seine Tochter schützen will. Und genau das bringt mich jedes Mal ins Grübeln. Habe ich den Betrieb nicht übernommen, damit sie weniger machen — nicht damit ich weniger da bin?

Was mich wirklich umtreibt: Vor einem Jahr, rund um den Muttertag — einen unserer härtesten Tage im Jahr — fiel Papa krankheitsbedingt aus. Zu viel. Zu lange. Zu intensiv. Seitdem lässt mich eine Frage nicht los: „Was kann ich tun, um es den beiden leichter zu machen? Eine Frage, auf die ich noch keine Antwort habe. Stattdessen kommt manchmal ein Kunde oder ein Gast, schaut mich an und fragt: „Machen Ihre Eltern jetzt eigentlich weniger, wo Sie übernommen haben?“ Ich lächle. Und innerlich möchte ich am liebsten wegrennen. Weil mich dieser Satz jedes Mal erwischt — mit der leisen, nagenden Frage, ob ich vielleicht sogar dafür gesorgt habe, dass sie mehr arbeiten als vorher.

Dann las ich diesen Satz: „Die größte Aufgabe der Liebe ist es, dem anderen zu erlauben, weniger zu tragen.“ Er hat mich nicht mehr losgelassen.

Ich möchte meine Eltern entlasten. Nicht, weil ich muss — und ganz sicher nicht, weil ich ohne sie könnte. Sondern weil ich es ihnen von Herzen gönne, irgendwann loszulassen. Und gleichzeitig weiß ich: Manche Menschen legen ihr Herz in eine Arbeit, die man ihnen gar nicht nehmen kann, ohne ihnen etwas Wesentliches wegzunehmen. Und vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Arbeit und Berufung. Ich glaube, das ist die entscheidende Frage — nicht, wie entlaste ich sie, sondern darf ich sie überhaupt schützen wollen?

Christina Ingenrieth-Klauth