Wenn es wieder nicht passt
Die Spargelsaison ist vorbei. Und damit klingelt der Wecker nicht mehr um 4:40 Uhr. Der Morgen kommt trotzdem — er kommt einfach leiser. Und in dieser Stille höre ich Dinge, die im Hochbetrieb keine Chance hatten, laut zu werden.
In derselben Podcastfolge, in der Dr. Gerald Hüther über Liebe sprach, fiel noch ein Satz – einer, der sich anders anfühlt, aber genauso tief sitzt: „Solange du lebst, ist das ganze Leben davon gekennzeichnet, dass schon wieder irgendetwas nicht passt. Das ist das Leben – nicht, dass man es immer passend macht. Sondern dass man lernt, wie man es, wenn es wieder neue Schwierigkeiten gibt, wieder passend machen kann.“ Auf den ersten Blick klingt das fast widersprüchlich. Beim zweiten Hören versteht man: Es geht nicht darum, einen Zustand herzustellen, in dem alles passt. Es geht darum, jemand zu werden, der damit umgehen kann, wenn es wieder nicht passt. Kein schöner Satz, aber ein ehrlicher. Und einer, der weit über den Betrieb hinausreicht.
Philipp lebt das. Er ist einer dieser Menschen, bei denen zwischen Problem und erstem Schritt kaum Luft ist. Kein langes Abwägen, kein Hadern – er sieht, was ist, und fängt an. Ich beobachte das seit Jahren. Und irgendwann – ich kann gar nicht sagen, wann genau – hat sich etwas in mir verschoben. Ohne Beschluss, einfach so. Still, fast unmerklich. Nicht durch Ratschläge. Durch Haltung. Durch ihn. Ich merke es daran, dass ich bei Problemen seltener zögere als früher.
Kürzlich wollte der Lebensmitteleinzelhandel ein Produkt auf unseren Lieferscheinen in einer anderen Verpackungseinheit dargestellt haben – damit die Abrechnung vereinfacht werden kann. Eigentlich keine große Sache – aber mitten in der Hauptsaison bedeutet das: sich gedanklich rausreißen, ins System eindenken, beim Anbieter rückversichern. Papa kommentierte es mit einem: „Auch das musst du noch machen.“ Ich verstehe diesen Blick. Wer einen Betrieb so lange getragen hat, dem ist kein Problem egal. Vielleicht fehlt im Alter auch schlicht die Resilienz dafür. Das ist kein Vorwurf. Das ist menschlich. Für mich gehörte es dazu. Ransetzen. Lösung suchen. Weitermachen. Je länger ich das tue, desto klarer wird mir: Die Probleme hören nicht auf. Der Umgang mit ihnen verändert sich. Eine Gelassenheit wächst – langsam, leise, aber spürbar. Das Wissen, dass eine Lösung manchmal auf den ersten Blick unbefriedigend wirkt, auf den zweiten aber genau passt. Dass Weitermachen keine Erschöpfung ist, sondern eine Haltung. Und vielleicht ist genau das, was die Stille nach der Saison sichtbar macht — dass ich wieder ein Stück gewachsen bin. Am Betrieb. An mir. Mit Philipp. Und dass ich jeden Tag die Chance habe, weiterzuwachsen. Das gibt mir Zuversicht.
Der Wecker klingelt morgen wieder. Irgendwas wird wieder nicht passen. Ich bin bereit.
Christina Ingenrieth-Klauth
