Ein Fest für alle
Eine gute Ernte ist keine Selbstverständlichkeit – das haben Dürre und Ertragseinbußen in diesem Jahr erneut gezeigt. Umso wichtiger ist es, Erntedank über den ländlichen Raum hinaus sichtbar zu machen und Landwirtschaft mit der städtischen Bevölkerung ins Gespräch zu bringen, um für mehr Verständnis gegenüber den heimischen Erzeugern zu werben.
So gravierend die lange Dürreperiode in diesem Sommer für die Landwirtschaft auch war, hatte sie vielleicht zumindest ein Gutes: Es wurde darüber berichtet. Nicht nur von landwirtschaftlichen Medien wie der LZ, sondern auch in der allgemeinen Presse gab es einige Berichte dazu. Das hat hoffentlich dabei geholfen, die Bevölkerung wieder dafür zu sensibilisieren, dass die Produktion von Nahrungsmitteln von Wetterereignissen abhängt und eine gute Ernte nicht selbstverständlich ist.
Auch das Erntedankfest kann dazu beitragen, denn diese Feierlichkeiten sind längst nicht nur für Landwirtinnen und Landwirte oder die Menschen im ländlichen Raum von Bedeutung, sondern für jeden, der täglich Nahrungsmittel auf seinem Teller liegen hat. Gerade weil volle Regale und ein gefüllter Magen für viele eine Selbstverständlichkeit sind, ist es dringend notwendig, dem Erntedankfest wieder mehr Aufmerksamkeit zu widmen.
Sowohl die Getreide- als auch die Kartoffelernte sind in diesem Jahr schlechter ausgefallen als im Vorjahr. Der Deutsche Bauernverband sprach mit 41,9 Mio. t von einer unterdurchschnittlichen Getreideernte. Das entspricht einem Minus von 7 % gegenüber dem Vorjahr. Gründe dafür sind ein zu trockenes Frühjahr und die Hitzewelle in der zweiten Junihälfte während der Kornfüllungsphase, die vielerorts zur Notreife führte. Bei Kartoffeln liegen sowohl die Anbaufläche als auch die Hektarerträge unter dem mehrjährigen Mittel, wie das Bundeslandwirtschaftsministerium (BMLEH) am Montag mitteilte. Ursache seien vor allem der verspätete Saisonstart 2026 infolge von Februarniederschlägen sowie die Hitze- und Dürreperioden im Sommer. Mit 38 t/ha lagen die Erträge rund 11 % unter dem mehrjährigen Durchschnitt. Für Silomais gibt das Statistische Bundesamt Erträge von 36,35 t/ha in diesem Jahr an, während es im vergangenen Jahr 44,58 t/ha waren. Für das Grünland gibt es noch keine amtlichen Ertragszahlen. Allerdings lässt sich bereits sagen, dass die Trockenheit auch hier für massive Ertragseinbußen gesorgt hat.
Schlagen sich diese geringeren Erträge auch in den Preisen nieder? Bei Milchprodukten könnte das bald der Fall sein. Laut dem Milchindustrieverband sind die Milchanlieferungen durch die sommerliche Dürrephase regional stark eingebrochen. Außerdem sorge der Protein-Hype für eine hohe Nachfrage. Bei Kartoffeln sieht es allerdings schlecht aus. Aufgrund des seit Jahren hohen Selbstversorgungsgrades und eines sich abzeichnenden ausgeglichenen Verhältnisses von Angebot und Nachfrage dürften die Versorgung und das Preisniveau bei Kartoffeln laut BMLEH mittelfristig stabil bleiben.
Allein durch die Preisentwicklungen werden Verbraucher also kaum zu spüren bekommen, in welcher schwierigen Lage sich die Landwirtinnen und Landwirte angesichts der hohen Kosten und des Klimawandels aktuell befinden. Umso wichtiger ist es, dass Landwirtschaft auch in der Lebensrealität der städtischen Bevölkerung stattfindet – ob im Kontext des Erntedanks oder bei anderen Gelegenheiten.
Ein gutes Beispiel für einen Brückenbauer zwischen Stadt und Land ist Michael Kaufmann, über den wir in der Reportage ab S. 52 berichten. Er und sein bester Freund Philipp Reindahl sind das erste gleichgeschlechtliche Erntepaar in Much-Birrenbachshöhe und der gesamten Region. Der gelernte Landwirt und passionierte Fleckviehzüchter liebt das Landleben, und ihm liegt die Tradition der Erntefeste sehr am Herzen. Gleichzeitig hat er aber auch einige Freunde in Köln. Und die waren auf dem Land zu Gast, um die beiden bei ihrem großen Erntedankevent zu unterstützen. Das Zusammenbringen und Verbinden möchte Michael Kaufmann im nächsten Jahr weiterführen und gemeinsam mit Philipp Reindahl und Freunden aus dem Dorf mit einem eigenen Wagen am Christopher Street Day in Köln teilnehmen. So steht das gleichgeschlechtliche Erntepaar nicht nur für Toleranz, Gleichberechtigung und Vielfalt ein, sondern bringt gleichzeitig auch die Landwirtschaft und das Landleben in die große Stadt. Das ist gut so, denn Erntedank sollte überall und zu jeder Jahreszeit gefeiert werden.
